Süddeutsche Zeitung

Rechtsextreme Ausschreitungen:Wie der "Nazi-Tourismus" nach Heidenau kam

Lesezeit: 4 min

Von Antonie Rietzschel, Heidenau

Blühende Felder. Jungs, die mit einem Rollstuhlfahrer Basketball spielen. Ein Märchenpfad für die Kleinen. Idyllisch, tolerant, kinderfreundlich - so präsentiert sich Heidenau in seinem Imagefilm. Zu den Bildern singt ein Chor: "Na komm tritt ein, du bist willkomm', setz dich zu uns, krieg das Zuhaus-Gefühl. Dort, wo der Mensch im Zentrum steht', man ehrlich wissen will, wie's dir geht."

Zynische Zeilen angesichts der aktuellen Situation in der sächsischen Stadt. Wo ein ehemaliger Baumarkt eilig zum Asylbewerberheim umgebaut werden muss. Wo Rechtsextreme vor das Haus des Bürgermeisters ziehen, um ihn als Volksverräter zu beschimpfen und sich mit der Polizei schwere Krawalle liefern. Heidenau mit seinen 16 000 Einwohnern war in der Region bisher vor allem für den großen Real-Supermarkt bekannt und die Bundesstraße 172. Sie durchschneidet die Stadt und verbindet Dresden mit der Sächsischen Schweiz. Heidenau war bisher kaum einen Zwischenstopp wert.

Dennoch ist die Stadt zum neuen Zentrum von Fremdenhass geworden. Das liegt vor allem an der NPD. Bei der Landtagswahl im vergangenen Jahr flog sie zwar aus dem Landtag, doch Heidenau ist ein sehr gutes Beispiel dafür, wie gefährlich die rechtsextreme Partei immer noch ist.

Vorbild für die Integration von Flüchtlingen

Die Stadt war im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge bisher ein Vorbild für die Integration von Flüchtlingen. Anfang des Jahres kamen die ersten Flüchtlinge nach Heidenau. Familien wurden dezentral in Wohnungen untergebracht, der Rest in mittelgroßen Gruppen auf die Stadt verteilt. Dem CDU-Bürgermeister Jürgen Opitz war es wichtig, in der Stadt eine Willkommenskultur zu entwickeln. Seine Idee: die Einrichtung eines Integrationsbeirates. Er sprach mit der Caritas, den Schulen, den Kindergärten. Aus der Bevölkerung gab es zahlreiche Hilfsangebote, die koordiniert werden mussten.

Opitz suchte sich Hilfe beim Kulturbüro Sachsen. Die Organisation berät Kommunen und Städt im Umgang mit Rechtsextremismus und jetzt auch verstärkt beim Thema Asyl. "Das lief gut", sagt Mitarbeiterin Petra Schickert. "Besonders der Einsatz der Sportvereine hat mich gefreut". Sie erzählt von Flüchtlingen, die im Fußballverein spielen, von einem Theaterprojekt des Heidenauer Gymnasiums, bei dem auch Asylbewerber mitwirken. "Na komm tritt ein, du bist willkomm', setz dich zu uns, krieg das Zuhaus-Gefühl" - diese Zeilen schienen nicht nur leere Floskeln. Was jedoch alle unterschätzt zu haben scheinen, war die NPD.

"Man dachte lange, man habe die rechtsextremen Aktivitäten in der Region einigermaßen im Griff", sagt Schickert. Sie und ihr Kollege Markus Kemper sitzen in Pirna, zehn Autominuten von Heidenau entfernt. Die jahrelangen Bemühungen von Initiativen, Polizei und Stadt haben dazu geführt, dass sich breiter und organisierter Widerstand gegen die Rechtsextremen in Pirna gebildet hat, der bis in die Sächsische Schweiz hinein wirkt. Die NPD ist jedoch nie ganz aus der Region verschwunden. Die Parteikader sitzen in Stadt- und Kreisräten.

NPD-Stadtrat als Mittelsmann

2013 eröffnete die NPD ein Bürgerhaus in Pirna. Im selben Jahr fand in Heidenau ein Konzert statt, zu dem bis zu 200 Neonazis zusammenkamen. Im Mai 2013 organisierte ein NPD-Kader ein rechtsextremes Fußballturnier in Pirna. Eine Mannschaft trug den Namen eines Tattoostudios aus Heidenau. "Die Spieler sind mit der Rückennummer 88 aufgelaufen", sagt Markus Kemper. 88 steht in der rechten Szene als Chiffre für "Heil Hitler". Im Frühjahr 2014 wurde dann mit Rico Rentzsch zum ersten Mal ein Mitglied der NPD in den Heidenauer Stadtrat gewählt. Kemper vermutet, dass NPD-Kader in der Stadt rekrutiert hatten. "Womöglich haben sie dabei Rentzsch gefunden und systematisch aufgebaut", sagt er.

Tatsächlich fungiert Rentzsch seit seiner Wahl als Mittelsmann vor Ort. Er meldet Veranstaltungen in Heidenau an. Das Reden übernehmen aber vor allem die Strategen. Im November 2014 sprach bei einer Kundgebung unter dem Motto "Asylflut stoppen" der damalige Vorsitzende der NPD-Landtagsfraktion Holger Szymanski und ein Dresdner Stadtrat. Im April dieses Jahr organisierte die NPD ein Fest mit dem Titel "Kinder sind unsere Zukunft - für ein soziales Sachsen". Wieder wurde gegen Asylbewerber gehetzt. Bei beiden Veranstaltungen waren maximal 200 Menschen anwesend - noch sind es vorrangig Rechtsextreme.

Vergangenen Dienstag bekommt Bürgermeister Jürgen Opitz dann einen folgenschweren Anruf: Er muss plötzlich innerhalb weniger Tage Hunderte Flüchtlinge in seiner Stadt unterbringen. Für die NPD ist das die perfekte Vorlage. Rentzsch meldet für Freitag eine Kundgebung an. 1000 Menschen kommen. Darunter sind auch Einwohner von Heidenau, die sich bis dahin noch nie in eine Reihe mit der NPD gestellt haben. Wut und ihr Hass auf die Flüchtlinge sind offenbar größer als das Bewusstsein, sich mit Rechtsextremen gemein zu machen.

Die Szene selbst hat kräftig mobilisiert, die NPD hat beste Verbindungen zu Neonazi-Gruppen in der Sächsischen Schweiz. Selbst die Bürgerwehr Freital hat auf ihrer Facebookseite dazu aufgerufen, an der Demonstration teilzunehmen. Bürgermeister Jürgen Opitz spricht nach den Krawallnächten von "Nazi-Tourismus".

Wie Opitz das Nazi-Image bekämpft

Seine Stadt ist Teil einer rechten Strategie geworden, der bereits vorher in Schmiedeberg oder Schneeberg funktioniert hat: Die NPD organisiert den Protest, gewaltbereite Rechtsextreme aus der Region gesellen sich dazu. Und schlimmstenfalls plärren dann auch noch verunsicherte Bürger deren Parolen mit. "Das ist bekannt und wird immer schlimmer", sagt Opitz nachdem er mit Vizekanzler Sigmar Gabriel die Erstaufnahmeeinrichtung in Heidenau besucht hat. Er warte nur darauf, dass irgendwo in Sachsen eine weitere Erstaufnahmeeinrichtung aufmache. Dann setze sich derselbe Mechanismus in Gang.

Opitz kämpft erbittert gegen das Nazi-Image seiner Stadt. Seine wichtigste Waffe ist dabei seine Entschlossenheit. "Ich habe nie Angst gehabt, mich diesen Dingen entgegen zu stellen. Ich kann nur eins, entweder knick' ich ein, oder ich ziehe das geradlinig durch, und ich habe mich für Letzteres entschieden."

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.2621205
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
Süddeutsche.de
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.