bedeckt München

Rechtschreibung:Glänzend

Ist Orthografie nicht mehr wichtig? Der ehemalige Lehrer Winfried Kretschmann sendet ein falsches Signal in die Welt.

Von Paul Munzinger

Die Sprache und ihre Regeln sind dazu da, dem Menschen das Leben leichter zu machen, nicht schwerer. Das gilt für die Grammatik genauso wie für die Rechtschreibung. Beide dienen dem besseren Verständnis, nicht sich selbst. Insofern liegt Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann richtig, wenn er in Sachen Orthografie zur Entspannung aufruft. Das Abendland geht nicht unter, weil jemand das Wort Rhythmus nicht buchstabieren kann.

Dennoch erntet der frühere Lehrer nun zu Recht Widerspruch von allen Seiten. Sein Einwurf sendet das Signal, Schulen müssten bei der Rechtschreibung zum Wohle der Schüler nicht mehr so genau hinschauen. Das Gegenteil ist richtig, gerade heute, da die Unis immer lauter über mangelnde Schreibkenntnisse der Erstsemester klagen. Wie Auftreten und Ausdruck gehört die Rechtschreibung zu jenen Soft Skills (ein Anglizismus, den die deutsche Sprache überstehen wird), die über Möglichkeiten in der Gesellschaft mitentscheiden - etwa in einer Bewerbung. Wer jungen Menschen diese Chance vorenthält, macht ihnen das Leben schwerer, als es das komplizierteste Fremdwort je könnte. Und wer glaubt, dieses Wissen an die Technik outsourcen zu können, ist naiv.

Der US-Autor David Foster Wallace hat einmal geschrieben, Orthografie sei eine Frage der Rücksichtnahme, so wie die Frage, ob man sich die Zähne putzt, bevor man zu einem Date geht. Klar, es geht auch ohne - aber zu glänzen wird viel schwieriger.

© SZ vom 01.02.2020
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema