Rechtsanwalt Gernot Lehr Marathonläufer für Wulff

Rechtsanwalt Gernot Lehr gehört zu den Seriösen seines Fachs, hat bereits den früheren Bundespräsidenten Rau in einer Affäre vertreten und erfolgreich vor dem Bundesverfassungsgericht gestritten. Der Bonner gilt als präziser Arbeiter - die Ungenauigkeit seines Mandanten Wulff bei öffentlichen Äußerungen muss ihn deshalb unbehaglich stimmen.

Von Hans Leyendecker

Über Verdachtsberichterstattung und Persönlichkeitsrechte hat der Medienrechtler Gernot Lehr das Erforderliche gesagt und geschrieben. Der 54-jährige Bonner hat für ZDF und Deutschlandradio erfolgreich vor dem Bundesverfassungsgericht gestritten. Er berät in Pressefragen die Deutsche Bischofskonferenz und im Bedarfsfall auch die Großen und Halbgroßen, die Schlauen und die Halbschlauen des Politikbetriebs. Das Medienrecht hat in den vergangenen Jahren durch Entscheidungen der Gerichte besondere Bedeutung bekommen - und Lehr, Sohn der früheren Bundesfamilienministerin Ursula Lehr (CDU), gehört zu den Seriösen dieses Fachs. Von ihnen gibt es nicht allzu viele.

Gernot Lehr in seiner Berliner Kanzlei: Seit 16. Dezember Christian Wulffs Rechtsanwalt und viel beschäftigt.

(Foto: dpa)

In diesen Tagen verfolgt die Republik sein Wirken, als gehe es um alles oder nichts. Dabei geht es nur um einen Mandanten, um ein Mandat. Seit dem 16. Dezember ist Lehr der Anwalt des Bundespräsidenten Christian Wulff, der den Anwaltsberuf zwar erlernt hat, aber offenkundig kein Fachmann für Presserecht und auch keiner für den richtigen Umgang mit Medien ist. Lehr, ein Azubi der Macht? "Wulff-Verteidiger", "menschlicher Prellblock", "Staats-Anwalt" wird er jetzt genannt, und eine Art Sprecher ist er auch, nachdem Wulffs langjähriger Pressemann von Bord gegangen ist.

Lehr hat auch den Bundespräsidenten Johannes Rau vertreten, als der in eine Affäre geriet, die "Flugaffäre" genannt wurde. Er soll Rau gefragt haben, ob dieser jemals ein Flugzeug der Landesbank zu privaten oder parteipolitischen Zwecken benutzt habe. Nachdem Rau die Frage mit einem energischen "Nein" beantwortet hatte, ging Lehr in die Offensive. Auch Rau hat sich damals im Fernsehen interviewen lassen, aber er war Herr seiner Worte.

Marathonläufer und Karnelvalsjeck

Das ist der derzeitige Bundespräsident nicht immer. Da Lehr, der Marathon läuft (unter fünf Stunden), ein Karnevalsjeck ist und bei Bayer Leverkusen auf der Tribüne sitzt, als präziser Arbeiter gilt, muss ihn die Ungenauigkeit Wulffs bei öffentlichen Äußerungen unbehaglich stimmen, aber das sagt er nicht.

Anfang der Woche hatte Lehr mitgeteilt, die Veröffentlichung der mehr als 500 Fragen und Antworten zu Wulffs Kredit- und Medienaffäre sei wegen der anwaltlichen Verschwiegenheitspflicht nicht möglich. Er schätzt Informantenschutz und das Anwaltsgeheimnis. Aber am Freitag kündigte er doch, im Auftrag des Präsidenten, die Freigabe an.

Seit Rau ist vieles anders geworden. Die Medienzyklen haben sich durchs Internet rapide beschleunigt. Fast jeder jagt nach irgendeiner Nachricht oder etwas, das wie eine Nachricht aussieht. Gerüchte und Wahrheiten, Unsinn und Sinnvolles purzeln durcheinander, und die alten Lager gibt es nicht mehr.

Auf einer Veranstaltung seiner Kanzlei in Berlin 2011 wurden einem Fachpublikum Tipps für die "Vorbereitung auf die Verdachtsberichterstattung" gegeben: Erstens: "Bei Anfrage grundsätzlich gelassenes Engagement nach außen und keine sofortige Beantwortung, aber Zusicherung eines Rückrufs, keine Drohgebärden". Zweitens: "Keine Verdrängung, sondern besonnenes, aber zügiges Handeln". Mit Krieg zu drohen, kam darin nicht vor. Hans Leyendecker