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Rechter Terrorismus:Sie sind nicht allein

Halle

Trauer und Fassungslosigkeit: In Halle erschoss der Attentäter zwei Menschen, zur Synagoge konnte er sich keinen Zutritt verschaffen.

(Foto: Regina Schmeken)

Jean-Philipp Baeck und Andreas Speit haben untersucht, was die Mörder von Halle, Utøya und Christchurch miteinander verbindet.

Egoshooter ist eine aus dem englischen Sprachraum entlehnte Wortschöpfung, die sich mit "Schießspiel" übersetzen lässt und ins Neudeutsche eingeflossen ist. Dieses "Spiel" gehört zur Kategorie der Games, bei welcher der Spieler aus der Egoperspektive in einer frei begehbaren, dreidimensionalen Welt agiert und andere Spieler oder computergesteuerte Gegner mit Schusswaffen bekämpft.

Die gelenkte Spielfigur ist menschlich oder menschenähnlich. Am Computer lernt man Mausbewegungen, nicht den Umgang mit Waffen. Jedoch gibt es "Egoshooter", die sich aus der virtuellen in die reale Welt begeben haben, in Neuseeland, Norwegen, in den USA. Und in Halle und Hanau.

"Der Gedanke geht der Tat voraus wie der Blitz dem Donner," so Heinrich Heine im Essay "Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland" (1852), und ergänzte: "Der deutsche Donner ist freilich auch ein Deutscher und ist nicht sehr gelenkig und kommt etwas langsam herangerollt; aber kommen wird er..."

Bei den Taten an den genannten Orten im Jahr 2019 starben 77 Menschen. Sie alle waren, um es in der ironisch unterhaltsamen, an Zynismus nicht zu überbietenden Sprache in Ballerspielen auszudrücken, "Bonuserfolge" oder, wie es Jean-Philipp Baeck und Andreas Speit, die beiden Herausgeber, auf den Punkt bringen, die "Gamification des Terrors".

Ein spielerisches Punktesystem aus dem Milieu einer eindeutig rechtsextremen Subkultur wird zur Referenz im realen Leben pervertiert! Es ist dies der Versuch einer digitalen Kulturrevolution von rechts, so der Sozialwissenschaftler Samuel Salzborn, mit dem Ziel einer kulturellen Hegemonie.

Das verbindende und eindeutige Merkmal der Attentate: Die Morde sollen mittels "sozialer Medien" in die Welt, um maximale Aufmerksamkeit zu erregen und Angst und Schrecken zu verbreiten. Der zu erreichende Zweck: Die Wirkung über die konkreten Opfer hinaus, der Aufruf zur Nachahmung sowie die Hoffnung der Täter auf einen narzisstischen Gewinn.

Darauf verweist die Zweideutigkeit des Buchtitels: Egoshooter ist nicht nur das Ballerspiel aus Ich-Perspektive, einen Zuschuss für sein Ego erhofft sich auch der real mordende Täter mit seinem Anschlag. Die Täter ziehen zum Morden zwar einzeln los, doch allein sind sie nicht.

Das Netz macht den Hass mit Wucht in Superlativkonstruktionen sichtbar, wobei die virtuelle Welt des Internets und die reale Welt des Alltags eine Symbiose bilden. Der neue Tätertypus: Das sind Rechtsterroristen, deren politisches Umfeld nicht die Neonazi-Kameradschaft von nebenan, nicht der rechte Parteiaufmarsch am Wochenende und nicht die Stammtisch-Runde in der Dorfkneipe sind.

Baeck/Speit sagen über diese: "Sie sind geprägt von einer sozial abgestumpften und zynischen Internet-Subkultur, die vornehmlich auf Imageboards stattfindet - und die verbunden ist mit der Gamer-Szene". Die Egoshooter gehören zu einer Online-Community, die global unterwegs und keineswegs nur in einer verborgenen Ecke des Internets aktiv sind, indes noch nicht so recht in das publizistische Blickfeld gerückt sind - und auch nicht in das der Ermittler.

Die Attentäter sind ideologisch getriebene Kriminelle aus dem tiefrechten Milieu

Und so zog Stephan B. am 9. Oktober 2019 los, ausgestattet mit einer Handykamera und selbst gebauten Waffen und Sprengsätzen in den Händen, um die Betenden in der Haller Synagoge beim Jom-Kippur-Gottesdienst zu erschießen. Ein Massaker, das allein an einer stabilen Holztür scheiterte.

Bei B. wird das Muster der Anschläge, die Bezüge zur Kultur der Imageboards und der Gamer deutlich: So, wie er seine Tat als Livestream übertrug, nahmen Zuschauer wie bei einem Egoshooter-Spiel die Sicht des Schützen ein.

Er verbreitete das Video über eine Plattform, auf der hauptsächlich Mitschnitte von Computerspielen zu sehen waren. Und er kommentierte seine Tat in Floskeln der Gamer. Indes blieb B. bei seinen Followern die Anerkennung versagt, weil er mit seinem Ansinnen eines Blutbades scheiterte.

Verschwörungsideologien wie die eines angeblich "großen Austausches" sind über den digitalen Weg omnipräsent. Die AfD hat diesen Begriff des französischen neu-rechten Publizisten Renaud Camus adaptiert und mit "Umvolkung" oder "Bevölkerungsaustausch" für ihre Klientel präzisiert.

Jean-Philipp Baeck, Andreas Speit (Hg.): Rechte Egoshooter. Von der virtuellen Hetze zum Livestream-Attentat. Ch. Links Verlag, Berlin 2020. 207 Seiten, 18 Euro. E-Book: 9,99 Euro.

Der judeophobe und rassistische Hass sitzt bereits lange in den Köpfen der allesamt männlichen User, wenn diese ihn posten. Dieser Hass ist das Bindeglied, das global Gemeinsame von an sich so disparaten Personen und Gruppen wie Neonazis, Islamisten, linken Aktivisten, gebildeten Bürgern aus der Mitte.

Hass und daraus resultierende Gewalt sind ideologisch in einem autoritären Strom eingebettet. Männer und ihre Rudel stehen im Kampf gegen eine plurale Gesellschaft und libertäres Zusammenleben, so formulieren es Baeck und Speit.

Was einmal als Ironiekultur von rechts und links auf dem Imageboard begann, hat sich bei den Rechten längst in einer Parallelwelt zur Anstachelung von Hass und Gewalt verdichtet. Gewalt gegen Juden wird nicht mehr nur befürwortet, sondern zur Unterhaltung der Online-Gemeinde live gestreamt, wobei alle Normen gesprengt und auf die Spitze getrieben werden. Das Internet ist längst zu einem Medium geworden, in dem die extreme Rechte die Freiheit nutzt, um die offene Gesellschaft zu untergraben. Anders ausgedrückt: Es handelt sich um "digitalen Faschismus".

Die Live-Egoshooter, die in mörderischer Absicht den Abzug drücken, verüben zugleich einen fundamentalen Angriff auf die Demokratie und ihre Regeln. Sie sind ideologisch getriebene Kriminelle aus dem tiefrechten Milieu. Ihre Opfer werden gezielt ausgesucht - Juden, Migranten, Frauen, politische Gegner.

Der digitale Raum ist kein rechtsfreier Raum

Den Taten gehen Gedanken voraus, die online empfangen wurden. Alle Egoshooter kündigten ihre Taten online in besonderen Foren an, in denen anonym Bilder geteilt und kommentiert werden. Online, mittels Videokamera auf einem Portal für Computerspiel-Videos, sollen auch Gleichgesinnte mitverfolgen können, wie die Opfer hingerichtet werden.

Zum Charakter der Anschläge gehört auch ein Voyeurismus gegenüber den Opfern sowie andererseits eine Wirkung der Morde auf die Gruppe, die der Täter zum Angriffsziel hat. Für die Autoren des Buches, die sich Attentatsvideos anschauen mussten, war das "Moment der Entmenschlichung der Opfer" wohl am schwersten zu ertragen.

Es ist festzuhalten, dass der digitale Raum kein rechtsfreier Raum ist. Und die Gesellschaft ist gefragt zu klären, was tolerierbar ist und was nicht. Mit Härte muss gegen diese Parallelwelten vorgegangen werden - aber so, dass der normale Internet-User nicht gleich auch noch seine Freiheit aufgeben muss. Eine Herausforderung.

Der Sammelband gibt keine Tatverläufe wieder, um den Terror als "unfassbar" zu verklären und auch die Selbstinszenierungen werden nicht dargestellt, um die Täter als "unerklärbar" zu überhöhen. Und so lautet das Fazit: Egoshooter-Taten sind ebenso fassbar wie ihre Taten erklärbar sind - und die Nachfolger stehen schon bereit.

Ludger Heid ist Neuzeithistoriker. Er lebt in Duisburg.

© SZ vom 20.04.2020
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