Rechercheprojekt #Kunstjagd:Was geschah mit dem verschollenen Gemälde?

Kunstjagd

Das Schwestergemälde der Engelbergs: So ähnlich könnte das verschollene Bild ausgesehen haben.

(Foto: Follow the Money)

Das Rechercheprojekt Kunstjagd geht in die zweite Woche. Mit mehr als 600 Teilnehmern - und einem Hinweis auf ein geheimes Hinterzimmer.

Internationales Rechercheprojekt - Woche 2 von 6

Das Projekt #Kunstjagd, in dem das Rechercheteam von Follow the Money (FtM) versucht, ein im Dritten Reich verschollenes Gemälde einer jüdischen Familie aufzuspüren, geht in die zweite Woche. Hier berichten die FtM-Kollegen von den Stationen und Fortschritten ihrer Recherche:

Vor ein paar Wochen schon haben wir die Rückerstattungsakte von Paula Engelberg angefordert. Mit einer Vollmacht von Edward Engelberg. Hoffentlich rechtzeitig. Den Antrag, den Paula 1948 handschriftlich gestellt hat, ist die einzige Quelle, aus der sie direkt mit uns spricht. Vielleicht erzählt sie uns, was sie mit ihrer "Mona Lisa" in jenen Novembertagen gemacht hat - das ist unsere Hoffnung.

Das Projekt

Die #Kunstjagd ist ein Projekt des Rechercheteams "Follow the Money" (FtM) in Kooperation mit der Filmproduktion Gebrüder Beetz, in dessen Mittelpunkt die Suche nach einem verschollenen Gemälde steht. Die Medienpartner BR, Deutschlandradio Kultur, ORF, SRF, Der Standard, Rheinische Post und SZ.de begleiten die Recherche. In einem 360°-Schwerpunkt halten wir Sie über Fortschritte auf dem Laufenden und beleuchten die Hintergründe. Weitere Informationen unter www.kunstjagd.com und www.sz.de/kunstjagd.

Jetzt stehen wir vor Christoph Bachmann im Bayerischen Staatsarchiv in der Schönfeldstraße in München. Bachmann ist der leitende Archivdirektor. Er ist da, wie verabredet, aber die Akte 255/51 nicht. Bachmann flucht sanft auf Bairisch, "ist halt ein Beamtenapparat hier", entschuldigt er sich. Es ist Freitagnachmittag vor Pfingsten, trotzdem bearbeitet er einen Kollegen im Magazin der Außenstelle solange am Telefon, bis der die Akte schließlich mit einem Taxi in die Innenstadt schickt.

Im Lesesaal im ersten Stock schlagen wir die vergilbte Mappe auf. Paula Engelberg beschreibt einen rot-braunen Koffer, den sie im Dezember 1938 ins Depot der Deutschen Bank einschließen ließ. Darin 13 Wertgegenstände wie eine goldene Uhr, Halsketten, Tafelsilber. Erinnerungen an ihre Hochzeit. Wert: 6365 Reichsmark. 1941 konfiszierte der Oberfinanzpräsident München den Koffer und versteigerte den Inhalt. Für 716 Reichsmark. Erst 1959, Paula ist schon gestorben, sprach ihr der Freistaat Bayern posthum 3600 D-Mark zu. Damit seien ihre Ansprüche abgegolten, hieß es.

600 Menschen auf der Suche nach einem Gemälde

Auf keiner der mehr als 100 Seiten ist die Rede von einem Gemälde. Unsere Enttäuschung kontert Bachmann mit dem Satz: "Wäre ja auch zu einfach gewesen." Und dann gibt er uns noch mit auf den Weg, dass er, wäre er an unserer Stelle, gar nicht erst anfangen würde zu suchen.

Haben wir aber längst, und überhaupt, Bachmann hat ja auch kein Whatsapp. Als wir ihn in unsere Gruppe aufnehmen wollen, antwortet er stolz: "Ich bin der letzte, der kein Smartphone hat." Schade, sonst wüsste er, dass sich schon mehr als 600 Menschen mit uns auf die Suche nach dem verschollenen Gemälde gemacht haben. Ein Galerist aus Wien zum Beispiel zweifelt an Edward Engelbergs Erinnerung, dass seine Mutter das Bild tatsächlich aufgerollt haben könnte. Otto Stein, der Maler des Bildes, schreibt er, habe oft auf Pappe oder Karton gemalt. Und selbst eine Leinwand könne man nicht mal eben aus einem Keilrahmen entfernen, ohne das Bild zu beschädigen.

Die Rückmeldungen der meisten Teilnehmer kreisen wie unsere Gedanken um die Frage, was Paula an jenem Novembertag mit dem Bild gemacht haben könnte. Einer ist sich sicher, dass sie nicht spontan, sondern nach einem Plan gehandelt haben muss. Und das es dabei nicht um Geld gegangen sein kann, sonst hätte sie ihren Schmuck und das zweite Gemälde auch versetzen müssen. Sie muss jemanden gekannt haben, der das nicht besonders wertvolle Bild gegen eine Gefälligkeit eingetauscht hat, spekuliert ein anderer. Die Gestapo hätte es ihr einfach abgenommen und das Schweizer Konsulat sei sicher nicht bestechlich gewesen.

Diese Fragen unserer Zuschauer, Zuhörer und Leser haben wir mit auf die Suche genommen:

  • Hatten die Engelbergs eventuell "arische", aber nicht nationalsozialistische Freunde, die das Bild aufbewahren oder kaufen hätten können?
  • Gab es einen Bekannten der Familie mit Kontakten zum Schweizer Konsulat oder zur Gestapo?
  • Was war das Bild damals ungefähr wert?
  • Warum hat sie nur eines der zwei Gemälde abgegeben?
  • Welche Kunsthändler waren damals in Reichweite?
  • An welchem Tag und unter welchen Voraussetzungen wurde das Visum ausgestellt?

Was wir definitiv schon sagen können:

Das Bild hatte auch damals keinen Wert, Stein galt als "entarteter" Künstler.

Als wir mehr über das Visum der Engelbergs erfahren wollen, verweist uns das Schweizer Konsulat an den historischen Dienst der Schweizer Botschaft. Die Akten beim Bundesarchiv in Bern haben wir bestellt, bis zur Einsichtnahme müssen wir uns aber noch zwei, drei Wochen gedulden.

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