Reaktionen:Welt voller Neider

Der Kreml spielt den Vorfall in England herunter und gibt sich als Opfer ausländischer Aggressoren. Das entspricht ganz Wladimir Putins Linie.

Von Julian Hans

Eigentlich sollte die Woche mit guten Nachrichten von den russischen Geheimdiensten beginnen. Präsident Wladimir Putin verkündet gerade sehr viele gute Nachrichten, in weniger als zwei Wochen sind Wahlen, und er möchte ein eindrucksvolles Ergebnis für sechs weitere Jahre im Kreml. Am Montag lobte er die Erfolge des Geheimdienstes FSB. Mehr als 400 ausländischen Spionen sei 2017 das Handwerk gelegt worden, sagte er vor Offizieren des Dienstes, dessen Vorläufer KGB er einst diente und dessen Chef er später kurze Zeit war, bevor er in die Politik wechselte. "Wie Sie alle wissen, hat die Aktivität ausländischer Dienste stark zugenommen", sagte Putin.

Überprüfen lassen sich diese Angaben so wenig wie die Existenz diverser Wunderwaffen, die Putin in der vergangenen Woche vorgestellt hatte. Klar ist aber, dass Spionage und Gegenspionage für den ehemaligen KGB-Mann von großer Bedeutung sind. Gleichwohl spielte der Kreml die Bedeutung des in Salisbury vergifteten Sergej Skripal herunter. Dass Moskau verdächtigt werde, sei zu erwarten gewesen, sagte Putins Sprecher Dmitrij Peskow. Trotzdem sei Moskau bereit, die Ermittlungen zu unterstützen, sollten die Briten eine offizielle Anfrage stellen. Der Kreml verfolgt schon länger die Strategie, jeden Vorwurf dem Volk darzustellen als Bestätigung für den souveränen Kurs des Präsidenten und den Neid seiner Gegner. Seien es Dopingsperren oder der Fund von fast 400 Kilo Kokain in der Schule der russischen Botschaft in Buenos Aires.

Warum sollte Russland den Spion erst begnadigen, um ihn dann aufwendig zu ermorden?

Noch ist nicht einmal die Ursache für den Zustand Skripals, eines ehemaligen Obersts des Militärgeheimdienstes GRU, bekannt, von möglichen Motiven ganz zu schweigen. Es erscheint wenig sinnvoll, dass Moskau einen Verräter erst entlarvt und verurteilt, dann begnadigt und ausreisen lässt, um ihn dann aufwendig zu ermorden. Sollte Skripal noch über Geheimwissen verfügt haben, das er dem MI 6 nicht schon in seiner Zeit als Doppelagent verraten hat, hätte ihn Russland 2010 wohl kaum ziehen lassen. Beispiele aus der Vergangenheit zeigen aber, dass sich die Tätigkeit russischer Dienste und der Mafia manchmal schwer trennen lassen. So starb Alexander Litwinenko 2006 nicht einfach als Putin-Kritiker, sondern als ehemaliger Sonderermittler gegen die organisierte Kriminalität. Das Polonium landete in seinem Tee, als er spanische Ermittler über die Aktivitäten Petersburger Mafiosi informierte (siehe nebenstehenden Artikel). Der Fall belastete die Beziehungen zwischen London und Moskau über ein Jahrzehnt.

Ohne den Druck von Litwinenkos Witwe wäre der Untersuchungsbericht des Londoner Richters Robert Owen wahrscheinlich nie zustande gekommen, der im Januar 2016 zu dem Schluss kam, die Täter hätten Litwinenko "wahrscheinlich" mit dem Segen des damaligen FSB-Chefs Nikolai Patruschew und von Präsident Wladimir Putin selbst vergiftet. Der ehemalige FSB-Offizier Andrej Lugowoi, der von der britischen Justiz als Mörder Litwinenkos verdächtigt wird, sitzt heute als Abgeordneter im russischen Parlament, im Ausschuss für Sicherheit und Korruptionsbekämpfung. Dem Sender Echo Moskaus sagte er am Dienstag, Skripal habe für Russland "keinerlei Bedrohung dargestellt".

Litwinenko ist nur der bekannteste Fall. Im vergangenen Juni veröffentlichte das Internet-Portal Buzzfeed einen Bericht, wonach in den vergangenen Jahren 14 Menschen in Großbritannien auf mysteriöse Weise zu Tode kamen. Unter Berufung auf Gespräche mit Verantwortlichen in Polizei und Geheimdiensten der USA und Großbritanniens kommen die Autoren zu dem Schluss, dass auch in diesen Fällen Spuren nach Moskau führen. Um die Beziehungen zwischen beiden Staaten nicht weiter zu belasten, sei diesen Spuren nicht weiter nachgegangen worden. Viele russische Superreiche haben ihr Vermögen in Großbritannien in Sicherheit gebracht, was zum Boom der britischen Finanzmärkte beigetragen hat.

© SZ vom 07.03.2018
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