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Reaktionen auf den Tod von Kim Jong Il:Größter anzunehmender Trauerfall - für Nordkorea

Für Nordkoreas kommunistische Partei ist es "der größte Verlust", Südkorea versetzt seine Truppen in Alarmbereitschaft, Japan drückt sein Beileid aus und China ist "tief betroffen" über das Ableben des "Genossen Kim Jong Il". Weltweite Reaktionen auf den Tod des Diktators.

Nordkorea: "Es ist der größte Verlust für unsere Partei und der größte Trauerfall für unser Volk", sagte eine in Schwarz gekleidete Nachrichtensprecherin im staatlichen Fernsehen ernst und unter Tränen. Das Land müsse "unsere Traurigkeit nun in Stärke umwandeln und unsere Schwierigkeiten überwinden". "Alle Parteimitglieder, Soldaten und die Öffentlichkeit sollten nun treu der Führerschaft von Kamerad Kim Jong Un folgen und die vereinigte Front der Partei, der Streitkräfte und der Öffentlichkeit schützen und weiter stärken", hieß es in der KCNA-Meldung. Kim Jong Un, der jüngste Sohn des Verstorbenen, wurde schon länger systematisch zum Nachfolger aufgebaut, er hatte wichtige Posten in der kommunistischen Partei erhalten und offizielle Termine wahrgenommen.

Südkoreans Präsident Lee Myung Bak rief seine Landsleute umgehend zur Ruhe auf. Der Staatschef bitte die Menschen, "ohne Unruhe ihren gewohnten Geschäften nachzugehen", sagte ein Vertreter des südkoreanischen Präsidialamtes am Montag im Fernsehen. Nach der Todesnachricht waren die südkoreanischen Truppen in Alarmbereitschaft versetzt worden. Wie ein Sprecher des Generalstabs sagte, wurde zudem die Luftüberwachung an der Grenze verstärkt. Jede Bewegung der nordkoreanischen Armee werde genau beobachtet, sagte ein Sprecher des Verteidigungsministeriums in Seoul. Südkoreas Geheimdienst geriet unterdessen in die Kritik, weil er zwei Tage lang keine Informationen über den Tod des langjährigen nordkoreanischen Machthabers liefern konnte. Präsident Lee Myung Bak und die Armeeführung seien von Kims Tod völlig überrascht worden, berichtete die Nachrichtenagentur Yonhap unter Berufung auf Regierungsvertreter. Demnach erfuhren sie genauso wie der Rest der Welt die Nachricht erst aus dem nordkoreanischen Staatsfernsehen. "Unser Geheimdienstnetz hat den Tod von Nordkoreas oberstem Führer zwei Tage lang nicht entdeckt. Das ist ein direktes Beispiel für die Löcher in der Informationsbeschaffung im Norden", sagte ein Sprecher der oppositionellen Demokratischen Einheitspartei. Ein Abgeordneter der regierenden Großen Nationalpartei sagte, es gebe trotz der strengen Geheimhaltung in Nordkorea "keine Entschuldigung" für das Versagen des Geheimdiensts.

Nur zwei Stunden nachdem die Nachricht vom Tod Kim Jong Ils verbreitet wurde, hatte Lee demnach bereits mit US-Präsident Barack Obama telefoniert. Beide Politiker hätten vereinbart, eng zusammenzuarbeiten und die Lage in Nordkorea genau zu beobachten. Wie das Weiße Haus in Washington mitteilte, bekräftigte Obama in dem Telefonat, dass sich die USA weiter für Stabilität auf der Koreanischen Halbinsel und die Sicherheit Südkoreas einsetzen wollten. Die USA wollen ihren Umgang mit Nordkorea nach dem Tod seines langjährigen Machthabers Kim Jong Il möglicherweise auf den Prüfstand stellen. Konkret gehe es dabei um Überlegungen, das isolierte Pjöngjang wieder in Atomgespräche einzubinden und dem Land Nahrungsmittelhilfen zukommen zu lassen, wie US-Vertreter am Sonntag mitteilten. Ursprünglich wollte Washington in beiden Fragen noch in dieser Woche zu einer Entscheidung kommen. Kims Tod werde den Entscheidungsprozess jedoch wahrscheinlich verzögern, hieß es. So betrachteten die USA nun jegliche mögliche Veränderung in der militärischen Haltung Nordkoreas und Südkoreas mit Sorge.

China hat Nordkorea sein "tiefstes Beileid" ausgesprochen. Dem nordkoreanischen Volk gelte das "aufrichtige Mitgefühl" seines Landes, zitierte die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua am Montag einen Sprecher des Außenministeriums in Peking. Es war die erste offizielle Stellungnahme Chinas nach dem Tode des Diktators, der in der Xinhua-Meldung ehrenvoll als "Genosse" bezeichnet wurde. Der verstorbene Kim Jong Il sei ein "großer Führer für Nordkorea und ein enger Freund des chinesischen Volkes" gewesen, sagte Ma Zhaoxu, der Sprecher des chinesischen Außenministeriums. China und Nordkorea würden die "traditionelle Freundschaft beider Nationen festigen und weiter entwickeln", sagte der chinesische Sprecher. China ist der wichtigste Bündnispartner Nordkoreas. Ohne Energie- und Lebensmittellieferungen aus China könnte sich das Regime in Pjöngjang nicht lange am Leben halten. China teilt eine mehr als tausend Kilometer lange Grenze mit Nordkorea und wünscht daher keine Unruhen in seinem Nachbarland. Auch die militärischen Drohgebärden und nuklearen Ambitionen Pjöngjangs verfolgt Peking seit längerem mit Unbehagen. Er hoffe, dass Nordkorea weiterhin einen "positiven Beitrag zum Erhalt des Friedens und der Stabilität auf der Koreanischen Halbinsel und der Region" leisten werde, sagte ein Sprecher der chinesischen Regierung am Montag.

Die ehemalige Kolonialmacht Japan sprach nach dem Tod des nordkoreanischen Staatschefs sehr rasch sein Beileid aus. "Die Regierung drückt nach der plötzlichen Nachricht über den unerwarteten Tod des Präsidenten der Nationalen Verteidigungskommission Nordkoreas, Kim Jong Il, ihr Beileid aus", sagte Regierungssprecher Osamu Fujimura am Montag in Tokio. "Die japanische Regierung hofft, dass diese Situation keine negativen Folgen für den Frieden und die Stabilität auf der Koreanischen Halbinsel hat." Als weitere Reaktion rief Japan seinen Sicherheitsrat ein. Ministerpräsident Yoshihiko Noda wies das Verteidigungsministerium und andere Regierungsstellen an, sich auf alle Eventualitäten vorzubereiten. Japan stehe mit seiner Schutzmacht USA sowie China und Südkorea bereits in engem Kontakt, wie die japanische Nachrichtenagentur Kyodo am Montag meldete. An der asiatischen Leitbörse in Tokio gaben die Kurse nach. Japan verfolge auch genau die Reaktion an den Finanzmärkten, hieß es weiter.

Ungeachtet des Todes von Kim Jong Il erwartet das Nachbarland Russland eine Fortsetzung der zuletzt begonnenen Politik der Annäherung beider Staaten. "Dieser für Nordkorea schmerzliche Verlust wird die weitere Entwicklung unserer freundschaftlichen Beziehungen nicht bremsen", sagte Außenminister Sergej Lawrow am Montag nach Angaben der Agentur Interfax in Moskau. Anders als Südkorea versetzte Russland seine Streitkräfte in der Grenzregion zu Nordkorea nicht in erhöhte Alarmbereitschaft. Auch der langjährige Kreml-Bevollmächtigte für den Föderationskreis Ferner Osten, Konstantin Pulikowski, sagte, dass Russland "keine politischen Turbulenzen" erwarte. Kim habe früh begonnen, sein politisches Erbe zu regeln, sagte Pulikowski. Russland hatte das umstrittene Atomprogramm Nordkoreas mehrfach kritisiert. Gleichzeitig wollte Moskau aber etwa in Fragen der Energiepolitik mit Pjöngjang ins Gespräch kommen. Kim hatte im August mit einem Besuch in Russland einen Neustart in den bilateralen Beziehungen vorangetrieben.

Nach Einschätzung der Bundesregierung ist der Tod von Kim Jong Il eine Chance für das ostasiatische Land. Ein Sprecher des Auswärtigen Amtes in Berlin rief die neue Führung in Pjöngjang am Montag zu einer politischen und wirtschaftlichen Öffnung des Landes auf. Er appellierte an Nordkorea, das Atomprogramm aufzugeben, demokratische Freiheiten zuzulassen und die katastrophale Versorgungslage der eigenen Bevölkerung zu verbessern. Bundesaußenminister Guido Westerwelle hat die künftige Führung in Nordkorea zu Reformen aufgerufen. "Die Menschen leiden unter der Diktatur", sagte Westerwelle am Montag am Rande eines Besuchs in London. "Sie brauchen neue Wohlstandschancen." Der FDP-Politiker forderte auch einen neuen Anlauf für mehr Menschenrechte in Nordkorea. Die Weltgemeinschaft müsse Zugang zu dem bisher streng kommunistischen Land erhalten. Der Führungswechsel durch den Tod Kim Jong Ils bedeute auch eine Chance für das Land. "Wir hoffen von Herzen, dass diese Chance auch wahrgenommen wird", sagte der Außenministe

Der britische Außenminister William Hague sprach von einem möglichen "Wendepunkt für Nordkorea". Die Nachfolger müssten anerkennen, dass die Zusammenarbeit mit der internationalen Gemeinschaft die beste Möglichkeit biete, die Lebensqualität des Volkes zu heben. "Wir ermutigen Nordkorea, am Frieden und an der Sicherheit in der Region zu arbeiten und die nötigen Schritte zu unternehmen, um die Fortsetzung der Sechser-Gespräche zum Abbau der Nuklearkapazitäten auf der Koreanischen Halbinsel zu erlauben", heißt es in einem Statement Hagues.

Schwedens Außenminister Carl Bildt erwartet erhebliche politische Unsicherheit auf der Koreanischen Halbinsel nach dem Tod des nordkoreanischen Machthabers Kim Jong Il. Bildt sagte am Montag im Stockholmer Rundfunksender SR: "Allein die Tatsache, dass man die Todesmeldung erst nach zwei Tagen zu veröffentlichen wagte, zeigt, wie unsicher die Lage in Nordkorea ist." Es gebe "große Fragezeichen" zur weiteren Entwicklung, sagte Bildt. "Ich meine, man sollte jetzt betont vorsichtig reagieren und die Lage genau beobachten."

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