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USA und Russland:"Also habe ich Ronnie ein wenig geschubst" 

President Reagan and General Secretary Gorbachev at the Summit in Geneva appearing relaxed during what was actually a co

"Von Anfang an führten wir ein offenes, bedeutungsvolles Gespräch": US-Präsident Ronald Reagan und Michail Gorbatschow, Generalsekretär des Zentralkomitees der KPdSU, 1985 in Genf.

(Foto: Everett Collection/imago images)

Der Gipfel in Genf hat einen Vorläufer: 1985 trafen dort Ronald Reagan und Michail Gorbatschow zum ersten Mal zusammen. Es sollte eine folgenreiche Begegnung werden.

Von Christof Münger

Wenn sich Joe Biden und Wladimir Putin an diesem Mittwoch in Genf treffen, ist die Liste der Streitpunkte lang: vom Ukraine-Konflikt über Alexej Nawalny bis zum Syrien-Krieg. 1985, als sich der damalige US-Präsident Ronald Reagan und Michail Gorbatschow, seinerzeit gerade zum ersten Mann der Sowjetunion aufgestiegen, ebenfalls in Genf trafen, war das nicht anders - und die Erwartungen waren ähnlich gering. Doch ihre Gespräche am Kaminfeuer wurden zur historischen Begegnung, sie markierten den Anfang vom Ende des Kalten Kriegs.

Die Idee für das Treffen hatten zwei Frauen. Reagan war glühender Antikommunist, 1983 hatte er die Sowjetunion als "Imperium des Bösen" bezeichnet. Sein Pendant in Europa war die britische Premierministerin Margaret Thatcher, weshalb der US-Präsident viel Wert auf ihr Urteil legte. Thatcher war inzwischen jedoch davon überzeugt, dass das Wettrüsten gestoppt werden musste. Ein knappes Jahr vor dem Gipfel in Genf hatte sie bereits Gorbatschow kennengelernt. Danach schrieb sie Reagan: "Ich glaube, Gorbatschow ist ein Mann, mit dem man ins Geschäft kommen kann."

Und dann war da noch Reagans einflussreiche Ehefrau Nancy. Gorbatschow war im März 1985 an die Macht gekommen. "Ich ermutigte Ronnie, sich so schnell wie möglich mit ihm zu treffen, vor allem, als mir klar wurde, dass einige Leute in der Regierung keine echten Gespräche wollten", schrieb Nancy Reagan in ihren Memoiren. "Also habe ich Ronnie ein wenig geschubst."

Die US-Pläne für Waffensysteme im All machten die Sowjets nervös

Reagan selbst war daran gelegen, Gorbatschow davon zu überzeugen, dass "wir Frieden wollten, und dass die Sowjets nichts zu befürchten hatten". Eine Haltung, die er bis dahin gut kaschiert hatte: Er erhöhte die Militärausgaben, startete den Rüstungswettlauf neu und lancierte die Strategic Defence Initiative (SDI), ein Waffensystem, um aus dem All feindliche Atomraketen abzuwehren - der Krieg der Sterne sollte die Kinos verlassen. Das machte die Sowjets nervös - und gesprächsbereit. Diese Chance wollte Reagan nutzen.

Trotz eisigen Windes und bissiger Kälte gab sich Genf am 19. November 1985 frühlingshaft und voller Hoffnung. Der Jet d'eau, die große Fontäne am Seeende, schleuderte, aus der Winterpause geholt, Wasser 140 Meter in die Höhe. Vor dem Tagungsort wurden blühende rote Rosen gepflanzt. Der Gipfel dauerte zwei Tage. Auch Nancy Reagan und Gorbatschows Frau Raissa waren dabei. Als sich die beiden Delegationen erstmals trafen, sagte der amerikanische Präsident, dass die USA und die Sowjetunion die beiden großartigsten Länder seien: "Sie sind die einzigen, die den Dritten Weltkrieg auslösen können, aber auch die einzigen, die der Welt Frieden bringen könnten."

Daraufhin zogen sich die beiden Staatschefs zurück, begleitet nur von Dolmetschern. Der erste Dialog am Kaminfeuer dauerte mehr als eine Stunde anstatt der vorgesehenen 15 Minuten, harmonisch aber verlief es nicht. "'Kommunist Nr. 1' und 'Imperialist Nr. 1' versuchten, sich gegenseitig zu übertrumpfen", erinnerte sich Gorbatschow in seinen Memoiren. "Trotzdem führten wir von Anfang an ein offenes, bedeutungsvolles Gespräch."

Der erwartete Streitpunkt war Reagans "Krieg der Sterne". Gorbatschow wollte das nukleare Gleichgewicht, das SDI untergraben würde, beibehalten, wenn auch "auf einem niedrigerem Niveau der Gewalt". Daher schlug er vor, über eine Reduzierung der Offensivwaffen zu verhandeln, falls Reagan SDI aufgeben würde. Der Präsident lehnte ab und entgegnete, SDI dürfe nicht als "Weltraumwaffe" betrachtet werden - sie diene lediglich der Verteidigung. Reagan bot seinerseits an, den Sowjets Zugang zur SDI-Technologie zu verschaffen. Gorbatschow nahm das Angebot nicht ernst, es drohte eine Blockade.

Für Auflockerung sorgten die zwei gemeinsamen Abendessen, zuerst bei den Sowjets. "Was für ein Dinner. Wenn man mit den Russen zu Abend isst, ist das Essen die ganze Abendunterhaltung", notierte Reagan in sein Tagebuch. Am nächsten Abend empfingen die Amerikaner nur zu einem kleinen, informellen Essen. Zuvor hatte man sich spontan zu Besuchen in Moskau und Washington eingeladen. Gorbatschow notierte: "Wir spürten beide, dass wir den Kontakt aufrechterhalten mussten."

Nancy Reagan beobachtete "unverwechselbare Wärme" zwischen den beiden Männern

Die beiden Staatschefs und ihre Frauen saßen entspannt beim Kaffee, als plötzlich die Berater auftauchten, Amerikaner und Sowjets. Sie berichteten, dass man sich nicht auf eine Abschlusserklärung einigen könne. Sie wurden zurückgeschickt. Erst um fünf Uhr morgens waren alle Probleme ausgeräumt. Später unterzeichneten Gorbatschow und Reagan öffentlich das Communiqué, worin sie festhielten, dass "ein Atomkrieg nicht gewonnen werden kann und niemals geführt werden darf". Während der Zeremonie flüsterte Reagan Gorbatschow zu: "Ich wette, die Hardliner in unseren beiden Ländern toben."

Dafür freute sich Nancy Reagan. Sie hatte eine "unverwechselbare Wärme" zwischen zwischen ihrem Mann und Gorbatschow ausgemacht. Auch der US-Präsident selbst war überzeugt, dass ihm nichts vorgegaukelt wurde: "Die Chemie zwischen Gorbatschow und mir erzeugte etwas, das einer persönlichen Freundschaft sehr nahe kommt."

Noch zwei Jahre dauerte es, ehe beide Staatschefs in Washington schließlich den INF-Abrüstungsvertrag unterzeichneten. Sie vereinbarten, alle landgestützten nuklearen Mittelstreckenraketen zu vernichten. Bei Reagans Gegenbesuch in Moskau am 1. Juni 1988 setzten sie den bisher wichtigsten Abrüstungsvertrag in Kraft.

© SZ
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