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Rausch und Politik:Wider den Rausch aus Vernunft!

Woodstock wird 40 - Geburtstag einer Legende

Als Rausch noch mit der Hoffnung auf politische Veränderung verbunden war: Woodstock 1969

(Foto: dpa)

Rausch wurde verteufelt, Rausch wurde instrumentalisiert: Die Herrschenden fürchteten seine revolutionäre Kraft und nutzten ihn als Machtinstrument. Wo bleibt heute seine politische Dimension?

Die legendären Saumagen-Gelage von Helmut Kohl mit viel süßem Wein im Deidesheimer Hof, die Revolutionsspiele in der Bonner Schumann-Klause von "Friedel Gastro". Winston Churchill nahm Amphetamine und brauchte daher kaum Schlaf. Adolf Hitler putschte sich im Krieg mit Opioiden auf. Ronald Schill ließ sich beim Koksen filmen. Die CSU macht in Bayern Bierzeltpolitik. Der SPD-Abgeordnete Michael Hartmann nahm das Aufputschmittel Crystal Meth. Und Barack Obama hat sein Drogengeständnis auch nicht geschadet.

Anekdoten, die zeigen, wie stark Rausch und Politik miteinander verschränkt sind. Die wahre politische Dimension des Rausches aber geht weit darüber hinaus. Rausch hat viele Facetten, er betäubt, enthemmt, baut Ängste und Spannungen ab. Rausch kann auch Entgrenzung bedeuten, die Auflösung des Ichs. Raum und Zeit werden unter Drogeneinfluss anders wahrgenommen, der Augenblick ausgedehnt, Emotionen verdichtet. Der französische Philosoph Jaques Derrida spricht schlicht von: Erfahrung. Eine solche Erfahrung kann das Leben verändern oder zumindest die Einstellung zum Leben - sie wäre damit eine urpolitische Erfahrung.

Das Politische im Rausch hängt davon ab, wie der Rausch in einer Gesellschaft verstanden wird und vor allem: wie mit ihm umgegangen wird. An welchem Punkt werden Grenzen gesetzt? An welchem nicht? Wird er instrumentalisiert? Was ist tabu? Und wer bestimmt darüber? Geht es um Politik, existiert der Rausch in zwei Lesarten. Er wird verteufelt oder gepriesen. Er wird als Möglichkeit gesehen, verborgene Potenziale zu aktivieren oder als systemgefährdendes Abenteuer. Er kann Erkenntnisse liefern, weil er die Grenzen des rationalen Denkens sprengt. Oder er wird als destruktive Kraft bekämpft.

Rausch zur Manipulation, Abstinenz zur Revolution

"Rausch, was für ein zweideutiges deutsches Wort! Wie mischen sich darin Begeisterung mit Entgeisterung, das Höchste mit dem Niedrigsten, das Glück der Enthemmung, das Elend der Vernunftlosigkeit. Andere Sprachen haben das Wort gar nicht; sie setzen dafür ein sehr sachliches und nüchternes wie: Intoxikation, Vergiftung. Vergiftet schien mir Deutschland, nicht enthoben." Thomas Mann hat das 1949 gesagt, angesichts der Katastrophe des Dritten Reiches. So gut wie alle politischen Massenbewegungen und modernen Diktaturen wurden als Zustände des Rausches beschrieben, der Nationalsozialismus genauso wie der Stalinismus.

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Der Rausch wurde von den Herrschenden als Machtinstrument eingesetzt, als Mobilisierungs- und Manipulationshilfe - auch ganz konkret. Im vorrevolutionären Russland wurde er beispielsweise genutzt, um die Arbeiter niederzuhalten. Agenten des Zaren mischten sich unter Aufständische und lenkten sie zum nächsten Schnapsgeschäft. Mit dem revolutionären Furor war es bald vorbei. Entsprechend riefen die Sozialdemokraten in Deutschland mit Plakaten zur Abstinenz auf: "Arbeiter, meidet den Schnaps!"

Rausch war für die Menschen in Zeiten von Kontrolle und Unterdrückung aber auch eine der wenigen Möglichkeit der Freiheit, des Ausbruchs, sogar der Renitenz. In den 1960er und 1970er Jahren knüpfte sich an den Rausch dann vor allem die Hoffnung auf politische Veränderung. Im Rausch sollten sich Welten öffnen, eine andere Wirklichkeit entstehen. Der Rausch als Entdeckung und damit als politische Urkraft. Jede neue Perspektive auf die Welt schließt ihre Veränderbarkeit mit ein. (Theoretisch - praktisch verlief sich der Rausch auch in Abhängigkeit, verlor seine politische Kraft, lähmte, statt zu verändern.)

Aber die Angst der Herrschenden vor kritischem Bewusstsein und potentiellem Ordnungsverlust war groß, sie schritten ein und erfanden den war on drugs. Richard Nixon prägte den Begriff 1972. Drogen wurden verteufelt, ihre Nutzer verfolgt. In der ersten Phase standen vor allem bewusstseinsverändernde Drogen wie Cannabis und LSD im Fokus der Ermittlungen, leistungssteigernde oder Beruhigungsmittel spielten nur eine untergeordnete Rolle.

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Wenn Drogen zu Medikamenten werden und der Rausch vernünftig

Seither hat der Rausch viel von seiner emanzipatorischen Bedeutung verloren. Obwohl (oder weil) er heute ständig und überall verfügbar ist. Gesellschaftliche Sanktionen sind kaum zu befürchten, wenn er, zum Beispiel auf dem Oktoberfest, als strikte Ausnahme vom Alltag zelebriert wird. Als Ausnahme, die die Regel nicht nur bestätigt, sondern überhaupt erst möglich macht: die Regel vom sich selbst optimierenden und damit kontrollierenden Bürger. Der maßvolle, zeitlich begrenzte Rausch übernimmt eine den Status quo stabilisierende Funktion. Er soll es letztlich ermöglichen, noch kreativer, noch leistungsfähiger zu sein.

Heute passt sich der Rausch meist in das zeitgemäße Modell ökonomischer Rationalität ein und stellt die routinierten Abläufe im Alltag und der Arbeitswelt gerade nicht in Frage. Drogen werden zu Medikamenten, zum festen Bestandteil der Work-Life-Balance. Das Bier oder die Flasche Wein am Feierabend dient der Regeneration. Drogen gelten, wie Sex, Diäten, Sport, als Möglichkeit der Selbstverbesserung. Und Selbstoptimierung wird selbst zur Droge, die süchtig macht. Man berauscht sich am eigenen Erfolg. Dem im Zweifel Hirn-Doping und Neuro-Enhancement auf die Sprünge helfen.

Aber der vernunftbegabte Mensch ist nicht das Maß aller Dinge. War er noch nie. Der Mensch ist irrational. Rausch aus Vernunft aber ist ein Paradoxon: Das per se Unvernünftige des Lustgewinns kommt uns abhanden. Grenzensprengende Räusche werden seltener. Sie sind keine Alternativen zur Selbstausbeutung mehr, sondern Mittel, um die Schäden durch die Selbstausbeutung zu reparieren. Menschen, die sich auf diese Art berauschen, laufen Gefahr, zu unpolitischen Narzissten zu werden. Der Rausch verliert jede politische Dimension, wenn er nicht mehr ist als schnöde Arbeit am Selbst. Dann geht es nur noch darum, das Leben im Rausch nachzuahmen, zu bestätigen. Um ein anderes Leben geht es nicht mehr.

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