Süddeutsche Zeitung

Raumfahrt als Geschäft:Satelliten auf der Warteliste

Die Nachfrage nach Weltraumflügen steigt rasant. Die Industrie fordert einen Startplatz. Bisher sind deutsche Unternehmen für Transporte auf andere Staaten angewiesen.

In Lampoldshausen bei Heilbronn kann es schon mal sehr laut werden. Mitten im Wald befindet sich hier das Institut für Raumfahrtantriebe des Deutschen Zentrums für Luft und Raumfahrt (DLR). Raketenforscher Eugen Sänger hatte das Testgelände in den Fünfzigerjahren aufgebaut, seitdem erproben Ingenieure auf dem Areal Raketentriebwerke - zuletzt für die europäische Trägerrakete Ariane.

Die Lage im Wald sagt einiges über die Branche. Wenn in Deutschland nach den Sternen gegriffen wird, wenn Firmen in den Weltraum wollen, dann macht das selten Schlagzeilen. Es sei denn, ein Alexander Gerst macht sich auf den Weg ins All oder aber ein Peter Altmaier zeigt Interesse an einem Startplatz in Deutschland - wenn auch nur für kleinere Raketen. Der Bundeswirtschaftsminister ist für Raumfahrt zuständig, er sieht sie als Zukunftstechnologie. Nun will er das staatliche Weltraumprogramm ausbauen und einen Weltraumbahnhof prüfen.

Gefordert hatte dies vor wenigen Tagen der Industrieverband BDI in seiner "Berliner Weltraumerklärung". Prompt diskutierte die Branche über mögliche Standorte im niedersächsischen Nordholz und in Rostock-Laage in Mecklenburg-Vorpommern. "Wir sehen erste Anzeichen dafür, dass die Produktion den Startplätzen folgt", sagt BDI-Raumfahrtexperte Matthias Wachter. Der Transport eines Satelliten zum Startplatz sei "teuer und aufwendig". Würden Satelliten von Indien, Russland oder China aus starten, "müssen diese formal dorthin exportiert werden". Der Bedarf für einen eigenen Startplatz sei da.

Sogenannte Microlauncher können die Umlaufbahn genauer ansteuern als die Konkurrenz

Das Geschäft mit dem Weltraum boomt. Im Wald bei Lampoldshausen etwa machen zunehmend auch junge Firmen ihre Tests, etwa Start-ups wie Hyimpulse, die große silberne Zylinder aufgestellt haben und darin ihren Treibstoff zünden. Hunderte solcher Versuche sind nötig auf dem Weg zu einer kleinen Rakete, mit der solche Firmen irgendwann Geld verdienen wollen. Potenzielle Kunden sind Hochschulen und Firmen, die kleinere Satelliten starten wollen. Bislang mussten sie lange darauf warten, eine Mitfluggelegenheit bei der russischen Sojus, der amerikanischen Falcon 9 von Elon Musks Firma Space-X oder anderswo zu ergattern.

Sogenannte Microlauncher, wie sie derzeit auch drei Firmen in Deutschland entwickeln, haben den Vorteil, dass sie vom Starttermin flexibler sind und genauer die Umlaufbahn ansteuern, die der Kunde für seine Zwecke benötigt - sei es für wissenschaftliche Experimente, Erdbeobachtung oder anderes. Der Markt erscheint vielversprechend: "Es gibt deutlich mehr Start-ups bei Kleinsatelliten als im Launcherbereich", sagt Hyimpulse-Chef Mario Kobald. Sprich: Die Nachfrage nach kleinen Satelliten steigt rasant - und die Satelliten müssen irgendwie ins All geschossen werden. Bis zu 500 Kilogramm will Hyimpulse mit seiner Rakete befördern, die 2022 erstmals starten soll. Eine Startrampe in Deutschland hätte da Charme.

Zwingend allerdings ist sie nicht. Denn solche Rampen gibt es schon, etwa in Norwegen, Schweden oder demnächst in Schottland - an Orten, die noch dünner besiedelt sind als die entlegensten deutschen Gegenden. "Deutschland könnte sich auch bei einem Startplatz in Skandinavien einkaufen, solange der Zugang für deutsche Träger stets gesichert ist", sagt Isar-Aerospace-Gründer Daniel Metzler, der mit seinem Team in München eine Rakete für Nutzlasten bis zu 1000 Kilogramm entwickelt. Die Probleme liegen für Metzler tiefer. "Deutschland muss sehr viel mehr für Raumfahrt tun, um international mitspielen zu können", sagt er. "Weltraumfahrt braucht immer noch Prestigeprojekte", hatte Altmaier beim BDI-Kongress gesagt. Dies könnte ein Startplatz sein.

Denn 50 Jahre nach der Mondlandung ist ein neuer globaler Wettlauf entbrannt, zwischen Chinesen, Amerikanern und Russen. Längst geht es dabei nicht mehr nur ums Prestige, sondern auch um Rohstoffe. Schließlich handele es sich um einen "hoheitsfreien Bereich", wie auch das Wirtschaftsministerium einwirft. Der Abbau von Weltraumressourcen sei vergleichbar mit jenem in der Tiefsee oder der Antarktis. Nötig sei ein international abgestimmtes Regime. Und natürlich geht es auch um den Zugang zu Satelliten und Informationen. So wird der Kosmos zum Schauplatz des Machtpokers auf dem Planeten Erde.

Auch der BDI verlangt deshalb - neben der Entsendung einer deutschen Astronautin zum Mond - eine Aufstockung des nationalen Weltraumbudgets auf 700 Millionen Euro, nahezu eine Verdreifachung. Und schließlich müsse sich Europa über die Ariane-Trägerraketen einen "eigenständigen europäischen Zugang zum Weltraum" erhalten.

Es gehe eben um ein europäisches Projekt, sagt auch Dieter Janecek, der sich bei den Grünen ums All kümmert. "Aber als Erstes bräuchten wir mal eine Debatte darüber, welchen zivilen Nutzen wir aus der Raumfahrt ziehen können." Dazu zählen etwa die Beobachtung von Klimaveränderungen, die Unterstützung von Friedensmissionen oder Anwendungen in der Landwirtschaft. Auch die Humusdecke lässt sich per Satellit ziemlich genau ermitteln, oder aber der Schwund an Regenwäldern. "Da gibt es eine Menge sinnvoller Möglichkeiten", sagt Janecek.

Einstweilen arbeitet das Wirtschaftsministerium nun an einem "Weltraumgesetz", doch dabei geht es nicht zuletzt um die Nebenwirkungen des Booms: den Weltraummüll. Nach internationalem Recht ist dafür nämlich nicht der private Verursacher verantwortlich, sondern das Herkunftsland. Das will der Bund national anders regeln. Schließlich wächst mit dem Verkehrsaufkommen im Weltraum auch die Gefahr teurer Kollisionen - mit dem Fortschritt von gestern.

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SZ vom 22.10.2019
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