Süddeutsche Zeitung

Ratko Mladic in Den Haag:"Widerliche Anschuldigungen"

Es ist der erste Auftritt von Ratko Mladic vor dem UN-Tribunal in Den Haag: Der Angeklagte salutiert, nennt seinen Namen und verweist auf seinen Gesundheitszustand. Die Vorwürfe gegen ihn bezeichnet der mutmaßliche Kriegsverbrecher und "Schlächter von Srebrenica" als "abscheulich", er wolle vor Gericht davon nichts hören. Mladic wiederholt immer wieder, er habe lediglich sein Volk und sein Land verteidigt.

Der Angeklagte trägt einen grauen Anzug mit schwarz-weiß-gemusterter Krawatte. Er hält seinen Kopf anfangs gebeugt, später salutiert er vor den Fotografen. "Ich bin General Ratko Mladic", sagt er zu Beginn der Anhörung. "Ich bin ein schwerkranker Mann." Mladic scheint Berichten zufolge leicht zu lallen, sein rechter Mundwinkel hänge leicht herab.

Drei Tage nach seiner Überstellung aus Serbien ist der mutmaßliche Kriegsverbrecher Ratko Mladic erstmals vor dem UN-Tribunal für das ehemalige Jugoslawien in Den Haag erschienen. Der nach eigenen Angaben 68-Jährige ist in insgesamt elf Punkten wegen Völkermordes, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit während des Bosnien-Kriegs von 1992 bis 1995 angeklagt.

"Ich möchte diese widerlichen Anschuldigungen gegen mich lesen", sagt Mladic vor dem Gericht. Er wolle nicht, dass man ihm die einzelnen Punkte vorliest. "Nicht einen einzigen Buchstaben oder Satz" wolle er hören, sagt er in barschem Tonfall. Der Vorsitzende Richter Alphons Orie trägt dennoch eine Zusammenfassung der Klageschrift vor. Mladics Reaktion: Das seien "monströse Worte, von denen ich noch nie gehört habe".

Mladic hört aufmerksam zu, als der Richter die Zusammenfassung der Vorwürfe vorliest. Bei der Stelle, in der es um das Massaker von Srebrenica geht, bei dem im Jahr 8000 muslimische Männer und Jungen ermordet wurden, schüttelt der Angeklagte den Kopf. Er lehnt es ab, bei seiner ersten Anhörung vor dem Kriegsverbrechertribunal für das ehemalige Jugoslawien auf schuldig oder nicht schuldig zu plädieren. Zu den elf Anklagepunkten muss er nun bis zum nächsten Gerichtstermin am 4. Juli Stellung nehmen.

Die Anhörung wird von einem großen Medieninteresse begleitet. Bereits am Donnerstag bezogen Journalisten aus aller Welt Stellung vor dem Gericht. Um zudem einen Andrang von Besuchern zu bewältigen, mietete das Gericht einen Raum in einem benachbarten Kongresszentrum und stellte dort Videoleinwände für eine Übertragung der Anhörung auf.

Nach 16 Jahren auf der Flucht war Mladic vergangene Woche in Serbien gefasst worden. Gesundheitsexperten hatten ihm vor der Überstellung nach Den Haag Verhandlungsfähigkeit bescheinigt. Mladics Anwalt hatte am Donnerstag gesagt, Mladic sei 2009 wegen Lymphdrüsenkrebs behandelt worden.

Die serbische Tageszeitung Press hatte zuvor unter Berufung auf seinen Anwalt berichtet, Mladic habe in der Vergangenheit drei Hirnschläge und zwei Herzinfarkte erlitten und habe sich für eine Krebsbehandlung vier Monate lang in einem Belgrader Krankenhaus aufgehalten.

Der Angeklagte kündigt selbst weitere Angaben zu seiner "schweren" Krankheit an - woraufhin der Vorsitzende Richter die Öffentlichkeit kurzzeitig ausschließt. Später wiederholt Mladic immer wieder, er habe lediglich sein Volk und sein Land verteidigt - jetzt verteidige er sich selbst. Der Vorsitzende Richter unterbricht ihn daraufhin und vertagt den Prozess auf den 4. Juli. Dann wird sich Mladic erneut dem Tribunal stellen müssen.

Bestens informiert mit SZ Plus – 14 Tage kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.1104677
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
sueddeutsche.de/dpa/mikö
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.