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Rassismus:Wo es weh tut

German President Frank-Walter Steinmeier hosts anti-racism discussion round in Berlin

Frank-Walter Steinmeier im Gespräch mit Daniel Gyamerah in Schloss Bellevue.

(Foto: Annegret Hilse/Reuters)

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier lädt in Schloss Bellevue zum Gespräch über Rassismus. Und seine Gäste berichten - sehr freundlich und schonungslos.

Von Stefan Braun, Berlin

Es dauert nur zwei Minuten, und schon landet Daniel Gyamerah dort, wo es wehtut. Er wurde 1986 in Tübingen geboren, wuchs im Schwäbischen auf, war nach eigenen Angaben ein recht strebsamer Schüler und wäre fast Profi-Basketballer geworden. An diesem Mittag in Schloss Bellevue berichtet er von seiner Abi-Fete.

Sehr schön sei die gewesen; alle seien so stolz gewesen; entsprechend lange habe die Abschlussfeier gedauert. Dann, morgens kurz nach fünf, sei er mit den engsten Freunden vor einer Bäckerei gestanden. Hungrig hätten einige an der Tür geklopft; sie hofften, dass die Bäckerei bald öffnen würde. Der Bäcker aber holte die Polizei. Und die Polizei befragte nicht alle Jungs, die da laut geworden waren. Sie umzingelte mit zehn Mann nur ihn, den einzigen Schwarzen. "Egal, wie gut du bist; egal, was du kannst - immer und immer wieder kontrollieren sie nur uns", klagt der Afrodeutsche. "Und nein: Daran hat sich bis heute nichts geändert."

Es ist nur eine Episode. Aber sie zeigt schnell, dass nichts geschönt wird, auch wenn sich der Bundespräsident vielleicht Schöneres erhofft hat. Frank-Walter Steinmeier hat vier Menschen mit afrikanischen Wurzeln zum Reden über Rassismus eingeladen. Und er erlebt vier Persönlichkeiten, die freundlich und schonungslos schildern, wie sie Deutschland erleben.

Gloria Boateng hat "es satt, fünfmal so viel leisten zu müssen, um ein Krümel zu bekommen"

Da ist die Schülerin Vanessa Tadala Chabvunga. Sie erzählt, wie es ihr an einer Berliner Schule ergangen ist, als Mitschüler ihr ein Hitler-Bildchen malten und die Lehrerin nur erklärte, dass es sie ohnehin nicht mehr gäbe, wenn Hitler noch leben würde. Eingeschüchtert und aufgebracht entschied sie sich, die Schule zu wechseln. Ihre Mutter empfahl das jüdische Gymnasium; sie hoffte, dass die Menschen dort "ein sensibles Herz" haben. Die Schülerin hat Glück: "Meine Mutter hat recht behalten."

Da ist auch Gloria Boateng, eine Lehrerin aus Hamburg, die den Schulförderverein Schlaufox gegründet hat. Sie kümmert sich um sozial benachteiligte Jugendliche, egal, welche Wurzeln sie haben. Das bedeutet nicht, dass bei ihr Rassismus keine Rolle spiele. Boateng berichtet von einem Rassismus, der sich in einem strukturellen Kampf um Macht und Möglichkeiten entfalte. "Rassismus heißt hier, den anderen zu entwürdigen; ihn nicht hoch kommen zu lassen. Es geht um verweigerte Teilhabe; es geht um die Weigerung, Kindern und Jugendlichen die Chance auf bessere Bildung und Aufstieg zu geben." Hier gehe es um Strukturen, nicht um Einzelfälle.

Das Gespräch dauert anderthalb Stunden. Aber schon nach Minuten zeigt sich, dass der Bundespräsident von der freundlichen Schärfe seiner Gäste überrascht wird. In seiner Einführung beklagt auch er, dass hierzulande "Menschen ausgegrenzt, angegriffen und bedroht werden"; auch er konstatiert, dass man Rassismus bis heute "in vielen Lebensbereichen" finde. Es reiche deshalb nicht, "kein Rassist" zu sein. "Rassismus erfordert Gegenposition, Gegenrede, Handeln und - vielleicht am schwierigsten - Selbstkritik und Selbstprüfung."

Doch so entschieden das klingt, so sehr hofft er darauf, dass seine Gäste auch so etwas wie Solidarität erleben. Danach gefragt, nickt Gloria Boateng kurz. Dann aber erzählt sie die Geschichte ihrer letzten Bewerbung. Nach dem Gespräch habe der Schulleiter sie sehr gelobt, dann aber erklärt, dass er sie trotzdem nicht nehmen könne. Seine Begründung: Er könne nur jemanden nehmen, hinter dem auch das ganze Kollegium stehen werde. Für Boateng eine Absage wie eine Ohrfeige. "Ich lebe so gerne in diesem Land", sagt sie am Ende. "Aber ich habe es satt, fünfmal so viel leisten zu müssen, um einen Krümel zu bekommen

© SZ vom 17.06.2020

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