Rassismus in den USA Vom Winde verweht?

Sind die US-Bürger im Süden rassistischer als die im Norden? Das US-Verfassungsgericht muss diese Frage in gewisser Weise beantworten. Ob der Verdacht heute noch gerechtfertigt ist, hängt offenbar davon ab, wo man politisch steht.

Von Nicolas Richter, Washington

Da sitzt sie nun mit Hut und Handtasche, wohl für immer: Im Kapitol hat man soeben eine Statue von Rosa Parks enthüllt. 1955 hatte sich die schwarze Parks in Alabama geweigert, ihren Sitzplatz in einem Bus einem Weißen zu überlassen; sie wurde festgenommen. So begann die Bürgerrechtsbewegung, aus deren Überzeugungskraft zehn Jahre später das Bundesgesetz "Voting Rights Act" hervorging: Die Schwarzen im Süden erhielten damit praktisch erstmals das Recht zu wählen. Sie wurden zu gleichberechtigten Bürgern.

Wenn man Statuen aufstellt von Menschen, sind ihre Leistungen meist Geschichte. Doch in Washington streiten jetzt die höchsten Richter darüber, ob auch die Ächtung der Schwarzen im Süden Geschichte ist. John Roberts, der Vorsitzende am Supreme Court, stellte die Frage so: "Sind die Bürger im Süden rassistischer als die im Norden?" Er klang nicht so, als würde er das glauben.

Das Gericht muss über einen Abschnitt des Voting Rights Act aus dem Jahr 1965 befinden, der neun Staaten unter Vormundschaft stellt: Wenn diese Staaten Vorschriften zum Wahlrecht ändern möchten, muss die Bundesregierung in Washington dies zunächst erlauben. Dieses Kontrollrecht ist aus dem Verdacht entstanden, dass der Süden jederzeit wieder in seine rassistischen Gewohnheiten zurückfallen und den Zugang zur Urne dermaßen erschweren könnte, dass er Schwarzen praktisch verwehrt bliebe.

Diskriminierung wirklich Geschichte?

Doch ist dieser Verdacht heute noch gerechtfertigt? Urteilt man nach den Fragen der Richter bei der Anhörung, hängt die Antwort davon ab, wo man politisch steht. Die konservativen Juristen halten den Süden offenbar für geläutert. Einer von ihnen fragte, ob der Staat Alabama noch "unter Kuratel" stehen müsse, ein anderer befand, die umstrittene Passage im Voting Rights Act verewige "Sonderansprüche" für Menschen bestimmter Rassen. Die linke Richterin Sonia Sotomayor dagegen wunderte sich darüber, dass das Wahlrecht ein "Sonderanspruch" sein solle, und bezweifelte, dass Diskriminierung im Süden wirklich Geschichte sei.

Im vergangenen Jahr haben die Republikaner in mehreren Staaten versucht, die Urnen abzuschirmen, etwa mit einer strengeren Ausweispflicht. Sie machten auch Frühwählern das Leben schwer: Da überwiegend Demokraten vorab ihre Stimme abgeben, schränkte Floridas konservative Regierung die Frühwahl ein; manche Bürger standen dann stundenlang Schlange. Präsident Barack Obama hat dies scharf kritisiert, denn es hat besonders seine Wähler getroffen, also etliche Schwarze und Latinos. Aber schikanieren die Republikaner sie wegen ihrer Hautfarbe, oder weil sie links wählen?

Mehr als in anderen Jahren setzen sich die Amerikaner 2013 mit ihrer Vergangenheit auseinander. Im Kino laufen die Filme "Lincoln" und "Django Unchained" über die Zeiten der Sklaverei, vor 150 Jahren erklärte Abraham Lincoln die Sklaven zu freien Menschen, vor 50 Jahren rief Martin Luther King zum Marsch nach Washington. Es könnte noch ein Ereignis dazukommen, wenn der Supreme Court mit seiner konservativen Mehrheit befinden sollte: Der Süden ist imstande, schwarze Bürger wie Weiße zu behandeln. Wie auch immer das Urteil lautet: Es wird umstritten sein.