Rassismus in den USA Schwarz bleibt das Feindbild

Obamas Wahl zum ersten schwarzen Präsidenten der USA wurde als kolossaler Sieg über den Rassismus gefeiert. Doch seitdem streiten die Amerikaner sogar noch heftiger über die Rassenfrage. Dabei kennen sie kaum noch Tabus.

Ein Gastbeitrag von Ilija Trojanow

Wer ein Visum für die Vereinigten Staaten beantragt, muss seine Rasse angeben. Wer in den USA ein Darlehen beantragt, muss seine Rasse offenbaren: "White, Black, Hispanic, Asian, Other" (eine wilde Mischung von geografischen, linguistischen und Pigmentkategorien).

Barack Obama in der Nacht, als er zum Präsidenten der USA gewählt wurde. Viele Amerikaner glaubten, dass der Rassismus nun der Vergangenheit angehören würde - die Realität sieht anders aus.

(Foto: REUTERS)

So auch Henry M. aus Atlanta, Sohn einer Koreanerin und eines Afroamerikaners, Software-Ingenieur für die Stadtverwaltung. Es gebe ein Problem bei seinem Darlehensantrag, teilte ihm der Sachbearbeiter mit, nachdem er die eingereichten Papiere überprüft hatte, er habe seine Rasse falsch angegeben, er habe "asiatisch" statt "schwarz" angekreuzt. Kein Problem, er werde es ausbessern. Da sei ihm, so Henry M., eingefallen, wer in den Südstaaten "gemischtrassig" ist, gilt als "negro", als Schwarzer.

Als Elly A. vor Jahren in die USA einreiste, wurde sie kurze Zeit darauf im Café von einer am Nebentisch sitzenden Gruppe schwarzer Frauen gefragt, wo sie denn herkomme. "Meine Mutter stammt aus Ghana, mein Vater aus England, doch aufgewachsen bin ich -", da fiel ihr schon eine der Frauen ins Wort: "You are either black or you're not, honey."

Wer glaubt, all dies gehöre der Vergangenheit an, sieht sich in den Vereinigten Staaten von 2012 eines Besseren belehrt. Die Einstellung der Frau am Nebentisch herrscht auch heute noch.

Sie erklärt, wieso Tiger Woods, berühmtester Golfer der Welt, der zur Hälfte Thailänder ist und auch indianische Wurzeln hat, stets nur als schwarzer Sportler bezeichnet wird. Weswegen Barack Obama, der von seiner weißen Mutter sowie seiner weißen Großmutter großgezogen wurde, nie als weißer Junge wahrgenommen worden ist. Und weil dem so ist, haben seit je Menschen, die ein Viertel, ein Achtel oder ein Sechzehntel Afroamerikanisch sind, diesen Anteil verheimlicht.

Diskriminierungen und Vorurteile prägen den Alltag

Die Zuschreibung von Rasse mit den einhergehenden Vorurteilen durchdringt den Alltag. Kein Tag vergeht, ohne dass man nicht von - teilweise brutalen - Diskriminierungen hört. In St. Louis, nahe der geografischen Mitte der Nation, trifft man auf Einheimische, die nie auf der anderen Seite der Stadt, in East St. Louis jenseits des Mississippi, waren. Dort lebten die Schwarzen, dort sehe es aus wie in Afrika, dort sei es gefährlich.

Man bleibt unter sich, in seinem Viertel. Wer bestimmte Grenzen überschreitet, begibt sich in Gefahr. Wie der schwarze Computertechniker, der zum Haus eines Kunden, eines Professors, gerufen wird. Es ist spät am Tag, sein letzter Einsatz, deshalb hat der Techniker seine Freundin mitgebracht, um mit ihr anschließend ins Kino zu gehen.

Die Freundin bleibt im Auto, der Techniker setzt sich an den Rechner, keine fünf Minuten später klingelt es an der Tür - die Polizei. Personenkontrolle. Als sich herausstellt, dass der Techniker einen Strafzettel noch nicht beglichen hat, wird er in Handschellen abgeführt. Draußen vor seiner Tür schaut sich der Professor um und fragt sich, welcher seiner Nachbarn die Polizei ruft, wenn er in seinem Viertel eine Schwarze im Auto sitzen sieht.