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Rassismus in den USA:Obama lässt Leidenschaft vermissen

President Obama Meets With Students Participating In An Hour Of Code Event

Wohlformulierte Sätze, ohne persönliche Betroffenheit zu zeigen: Barack Obama (hier bei einem Treffen mit Schülern in Washington) über Rassismus in den USA

(Foto: Bloomberg)
  • Nach den Todesfällen von Michael Brown in Ferguson und Eric Garner in New York spricht US-Präsident Barack Obama in einem TV-Interview über Rassismus in der Gesellschaft.
  • Afroamerikaner hätten es schwerer, sich zu entwickeln, klagt Obama. Der Rassismus sei tief verwurzelt.
  • Das Interview zeigt, in welchem Zwiespalt sich Obama befindet - und weshalb so viele Schwarze von ihm enttäuscht sind. Es fehlt die Leidenschaft, das Spontane.
  • Was Obama davon abhält, sich klarer und persönlicher zu äußern, darüber wird seit Tagen spekuliert.

Nach etwas mehr als einer Viertelstunde versucht Jeff Johnson noch einmal, seinen Gast zu überraschen. Der Journalist des TV-Senders BET, der sich vor allem an Afroamerikaner richtet, will von Barack Obama wissen, was sich dieser für die Kinder seiner beiden Töchter wünsche. "Nicht als Präsident, sondern als Mensch: Wie soll es Ihren Enkeln gehen?"

Obamas Antwort ist wohl formuliert. Er hoffe, dass seine Enkel als Individuen beurteilt würden - aufgrund ihres Charakters, ihrer Talente und Eigenschaften und nicht wegen ihrer Hautfarbe. Im ersten TV-Interview nach den umstrittenen Jury-Entscheidungen in den Todesfällen von Michael Brown in Ferguson und Eric Garner in New York spricht Amerikas erster schwarzer Präsident Klartext: Es dürfe nicht sein, dass jemand nur wegen seiner Hautfarbe strenger behandelt werde.

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Rassismus in US-Gesellschaft "tief verwurzelt"

Woher kommt die Gewalt weißer Polizisten gegenüber Afroamerikanern? US-Präsident Obama begründet das mit der Geschichte der USA. Aber es gebe in der Rassismus-Debatte auch Fortschritte.

In Richtung des schwarzen Moderators Johnson sagt Obama: "Alle jungen Männer stellen dumme Sachen an, egal ob sie Latinos, Schwarze oder Weiße sind. Ich habe Fehler gemacht, Sie auch." Es müssten aber alle die Chance bekommen, sich zu entwickeln - und hier hätten es Afroamerikaner schwerer. Er wünsche sich, dass nicht nur der "perfekte junge Mann" gleich gut behandelt werde, sondern alle.

Alles, was Obama in diesen Sätzen sagt, stimmt: Das Risiko eines jungen schwarzen Amerikaners, von der Polizei erschossen zu werden, ist 21 Mal größer als das eines gleichaltrigen Weißen. Doch dieses Interview (hier in voller Länge) zeigt in aller Deutlichkeit, in welchem Zwiespalt sich Obama befindet - und weshalb so viele Schwarze von ihm enttäuscht sind. Es fehlt die Leidenschaft, das Spontane bei seinen Auftritten nach den Ferguson-Protesten. Es mangelt an jener echten Betroffenheit, die er etwa im Juli 2012 offenbarte, als er nach dem Tod des 17-jährigen Trayvon Martin sagte: "Vor 35 Jahren hätte ich Trayvon Martin sein können" (hier mehr über seine bemerkenswerte Rede).

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Obama gibt der Wut und dem Schmerz der Schwarzen keine Stimme

Von diesen Emotionen ist heute wenig zu spüren, weil es Obama wichtiger zu sein scheint, das Amt des Präsidenten aller Amerikaner auszufüllen, als den Schmerz und die Wut der Schwarzen anzuerkennen, indem er diese auch zeigt. "Wie sich Obama über Rasse äußert, hängt immer davon ab, welches Amt er gerade innehat", konstatierte Ta-Nehisi Coates auf der Website des Magazins The Atlantic.

Im März 2008 war er noch Präsidentschaftskandidat und Hoffnungsträger der Schwarzen, als er in Philadelphia in aller Klarheit über Rassismus sprach, um sich von seinem Pfarrer Jeremiah Wright zu distanzieren. Ta-Nehisi Coates, einen der klügsten schwarzen Journalisten, macht Obamas Verhalten nicht wütend - es enttäuscht ihn vielmehr, weil es offenlegt, wie weit Amerika von einer postrassistischen Gesellschaft entfernt ist.

Auch der US-Präsident macht sich darüber keine Illusionen und sagt: "Der Rassismus ist tief verwurzelt in der amerikanischen Gesellschaft." Seine Sympathie für die jungen Aktivisten, die seit vier Monaten in Ferguson und seit mehr als zwei Wochen in Dutzenden Städten protestieren, verbirgt Obama nicht. Bei seinem Treffen mit ihnen im Weißen Haus hätten diese geschildert, dass sie sich drangsaliert und ständig verdächtigt fühlen. "Dieses Gefühl kenne ich, so ging es mir mit 17 oder 18 auch", sagt Obama, ohne näher ins Detail zu gehen.