Rassismus und Diskriminierung:Migrationshintergrund erhöht Armutsrisiko

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Auch mit Bildungsabschluss sind Menschen mit Migrationsgeschichte stärker armutsgefährdet als nicht migrantische. (Foto: Hendrik Schmidt/DPA)

Ist das Versprechen, dass Leistung und Investition in Bildung sich immer lohnen, nur ein Mythos? Eine Studie zeigt, dass Menschen mit Migrationsgeschichte stärker von Armut betroffen sind als nicht migrantische Bürger - selbst mit Bildungsabschluss.

Schwarze, asiatische und muslimische Menschen sind häufiger vom Armutsrisiko betroffen als Menschen ohne Migrationshintergrund. Das zeigt eine am Dienstag in Berlin vorgestellte Studie, für die rund 21 000 Erwachsene befragt wurden.

Die Quote der Armutsgefährdung bei Menschen ohne eine sogenannte rassistische Markierung liegt bei rund zehn Prozent. Im Vergleich dazu bewegt sie sich bei schwarzen, asiatischen und muslimischen Männern bei rund 41 Prozent. Als armutsgefährdet gilt, wer weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen Nettoeinkommens in Deutschland zur Verfügung hat. Laut Statistischem Bundesamt waren im Jahr 2022 schätzungsweise 15 Prozent der Deutschen - das sind in etwa zwölf Millionen Menschen - armutsgefährdet.

Vollzeit bewahrt vor einem Leben unter der Armutsschwelle

Bei den Vollzeiterwerbstätigen sei die Wahrscheinlichkeit, unter der Armutsschwelle zu leben, zwar geringer, "es sind jedoch weiterhin deutliche Unterschiede zwischen rassistisch markierten und nicht rassistisch markierten Personen erkennbar", stellen die Forscher fest. Während das Armutsrisiko für in Vollzeit erwerbstätige deutsche Männer und Frauen ohne Migrationshintergrund bei jeweils fünf Prozent liege, sei die Wahrscheinlichkeit, von Armut betroffen zu sein, bei muslimischen Männern in Vollzeitbeschäftigung mit 21 Prozent wesentlich höher.

Schwarze Frauen mit Vollzeitjob hätten mit 22 Prozent ein sehr hohes Armutsrisiko. Für in Deutschland geborene Menschen mit Migrationshintergrund, die ihre Ausbildung im Inland absolviert haben, sei das Armutsrisiko geringer als für Zuwanderer, die ihre Qualifikation im Ausland erworben haben. Die Chancen auf ein gutes Einkommen seien jedoch auch für diese Gruppe geringer als für Deutsche ohne Migrationsgeschichte mit vergleichbarem Bildungsabschluss.

Pass hat Auswirkungen auf Armutsrisiko

Die Migrationsforscherin, Autorin des Berichts und Leiterin des Rassismusmonitors, Zerrin Salikutluk, hob den Zusammenhang zwischen Staatsbürgerschaft und Armutsrisiko besonders hervor. Der Besitz des deutschen Passes habe langfristige Konsequenzen für die Einkommenssituation. Die Armutsgefährdung unterteilt sich nach Gruppen in etwa wie folgt:

  • Menschen ohne Migrationshintergrund: zwölf Prozent,
  • Menschen mit Zuwanderungsgeschichte: 28 Prozent,
  • Menschen ohne Staatsbürgerschaft: mehr als 35 Prozent.

Besonders stark betroffen sind den Daten zufolge schwarze, asiatische und muslimische Menschen. Die Forschenden haben die Daten dabei in verschiedenen Modellen analysiert, die Bildung, Erwerbsstatus, Geschlecht, Geburtsort und Staatsbürgerschaft jeweils stärker berücksichtigen. Bestimmte Berufe beispielsweise im öffentlichen Dienst seien nur zugänglich mit der deutschen Staatsbürgerschaft. Auch private Arbeitgeber seien verunsichert, wenn der Aufenthaltsstatus eines Jobbewerbers nicht geklärt sei oder scheuten den Aufwand für die Personalabteilung, erläuterte Salikutluk.

Höherer Bildungsabschluss garantiert keine gleichen Chancen

Im Ergebnis zeigt sich, dass höhere Bildung oder ein Vollzeitjob das Armutsrisiko bei rassistisch markierten Menschen senken, allerdings nicht auf das gleiche Niveau wie bei Menschen, die ohne rassistische Benachteiligung ins Berufsleben starten. Eine weitere Ursache für die Armutsgefährdung sieht die Sozialwissenschaftlerin Salikutluk in den Hürden bei der Anerkennung von ausländischen Berufsabschlüssen: Viele Zuwanderer gingen einer Arbeit nach, die unterhalb ihrer Qualifikation liege, sagte sie.

Der Präsident des Deutschen Institutes für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, sagte, der Bericht beweise, dass es in Deutschland "gewisse Mythen" gebe, etwa die Versprechen, dass sich Leistung und Investition in Bildung lohne. "Das stimmt für bestimmte Gruppen nicht", sagte er. Auch aus wirtschaftlicher Perspektive müsse sich das mit Blick auf fehlende Arbeitskräfte ändern. Der Bericht deute darauf hin, "dass da ein riesiges Potenzial liegt".

Die Studie des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM) ist ein Kurzbericht des Nationalen Diskriminierungs- und Rassismusmonitors, der im Auftrag der Bundesregierung Daten zur Situation von Menschen erhebt und analysiert, die von rassistischen Zuschreibungen betroffen sein können.

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