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Rassismus:Ein Aufreger jagt den nächsten

Bundesfreiwilligendienst

Hilfe beim Deutschlernen wie in dieser Grundschule steht plötzlich infrage.

(Foto: dpa)

Debatten kreisen heute um verletzende Tabubrüche, nicht aber um die wirklich wichtigen Fragen, vor denen die Menschen des 21. Jahrhunderts stehen.

Wie jedes Jahr kommt so ein Sommerurlaub plötzlich, und ich weiß nicht mehr genau, wie das Leben ist, wenn man es einfach nur leben darf. Stundenlang fahre ich in den europäischen Süden, beobachte das politische Treiben nun aus der Ferne: die nächste Empörungsschleife, kollektive Erregung, all das, wir nennen es gerne den "öffentlichen Diskurs". Warum mir dazu gerade Peter Sloterdijk einfällt, der schon um die Jahrtausendwende in den Massenmedien wetterte, es würde aufgrund der Massenmedien zu viel geredet, weiß der Himmel. Womöglich, weil er in irgendeinem Interview die folgende Frage stellte: Was soll das sein, Gesellschaft? Dieser Erregungskörper, der sich in ständig neue Höhen treibt? Und was hat das mit einem selbst zu tun?

Menschen, die es gut mit sich meinen, nehmen Bücher mit ans Meer, die sie ablenken. Ich, in meinem Gesellschaftswahn, nehme Theodor W. Adorno mit. "Minima Moralia", als koste Wiederlesen weniger Hirnzellen vor Türkisblau. Und während andere sich vor ihren wassertauglichen Kameras in ihren pinken Plastikflamingos zum Fotomotiv drapieren, lese ich: "In der individualistischen Gesellschaft jedoch verwirklicht nicht nur das Allgemeine sich durch das Zusammenspiel des Einzelnen hindurch, sondern die Gesellschaft ist im Wesentlichen Substanz des Individuums." Da ist sie also eingezogen in mich, diese Gesellschaft, und wenn in diesem Satz auch nur etwas Wahrheit zu finden ist, so muss diese Gesellschaft ihrer selbst unfassbar müde sein. Ich bin ja auch Gesellschaft. Und ich bin massenmedienerregungsmüde.

Ein sich selbst wiederholender Reflex wird derzeit als Diskurs bezeichnet. Jedes Mal derselbe Einschlag, kurz darauf derselbe Ausschlag. Karussellfahren mit der Vergangenheit. Warum denke ich ständig: Alles schon gehört? Beispiel gefällig? Wieder attackiert ein Politiker die Deutschkenntnisse von Einwanderern. Diesmal die der Kinder. Ich möchte seinen Namen nicht nennen, weil solche "Thesen" nur Sprungbretter sind, der Versuch, der Öffentlichkeit seinen Namen einzuprägen.

Ich werde mir diesen Namen nicht einprägen. So wie ich mir vor Jahren nicht den Namen eines anderen Politikers merkte, der im Sommerloch behauptete, Ausländer hätten selbst nach Jahrzehnten nicht mehr als knapp dreitausend Worte in ihrem deutschen Wortschatz vorzuweisen. Mein Vater hat daraufhin den ganzen Sommer lang deutsche Worte vor sich hingeflucht, Worte, die so ein Politiker vermutlich in keiner Fremdsprache kennt. Radkappe, fluchte er. Und ich grinste. Einer, dachte ich damals, der vermutlich keine zweite Sprache auf dieser Welt beeindruckend zu sprechen vermag, profiliert sich über das Pidgin-Deutsch meiner Eltern. Wann hat Deutschland diesen Politikstil auf Kosten von Menschen, die Menschen sind und nicht Mittel zur Erlangung eines politischen Profils, endlich satt? Wie lange will man billige Diskurse dieser Art noch als Debatten bezeichnen? Wie lange wollen selbst jene, die solche "Vorstöße" wohlmeinend bekämpfen, diesen platten Strategen Öffentlichkeit verschaffen? Bis wir an der Staatsspitze ein Großmaul haben wie Donald Trump?

Die Funktion des Rassismus ist Ablenkung, sagte die Literatin Toni Morrison. Sie hat recht.

Eine weitere Runde Rassismus-Debatte darf nicht fehlen, Clemens Tönnies sei Dank. Die regelmäßige Erniedrigung von Menschen mit dunkler Hautfarbe, auf die prompt die übliche naiv anmutende Runde deutscher Selbstverortung folgt: Was ist überhaupt Rassismus in Deutschland? In den USA sei das ja klar. Natürlich kommen dabei kaum jene zu Wort, die von diesem sogenannten Rassismus betroffen sind. In einer Woche, in der Nachrufe auf Toni Morrison, die erste schwarze Nobelpreisträgerin, geschrieben werden, erklärt Kai Gniffke im Kommentar der "Tagesschau" den Unterschied zwischen einer dummen These und Rassismus, ohne zu erhellen, warum eine dumme These nicht rassistisch sein kann. Oder warum auch nette Menschen Rassisten sein können.

Toni Morrisons Tod müsste alle daran erinnern, aus welcher Gedankentiefe unsere Gesellschaften schöpfen könnten. Eine von Morrisons unvergesslichen Analysen über Rassismus lautet: "Die Funktion, die sehr schwerwiegende Funktion von Rassismus, ist Ablenkung. Er hält dich davon ab, deine Arbeit zu tun. Er lässt dich immer wieder erklären, was der Grund deines Daseins ist. Jemand sagt, du hast keine Sprache, und du verbringst zwanzig Jahre damit, zu beweisen, dass du sie hast. Jemand sagt, dein Kopf sei nicht richtig geformt, also findest du Wissenschaftler, die daran arbeiten, zu beweisen, dass er es doch ist. Jemand sagt, du hättest keine Kunst, also gräbst du das aus. Jemand sagt, du hast keine Königreiche, also gräbst du auch sie aus. Nichts davon ist notwendig. Es wird immer weitergehen."

Politik CDU Eine Partei twitterisiert sich
CDU

Eine Partei twitterisiert sich

Werte-Union gegen Union der Mitte: Die beiden Gruppen fallen ständig durch gegenseitige öffentliche Verachtung auf. Die Umgangsformen in der CDU verfallen, die Partei leidet darunter.   Kommentar von Robert Roßmann

Die rassistischen Dauerschleifen zersägen den Zusammenhalt: Sie bedienen die einen Wähler, während sie die anderen verraten. Wer über Kinder reden will, die noch kein Deutsch sprechen, muss über ihr Grundrecht auf Bildung reden und die besten Bedingungen fordern, unter denen diese Kinder lernen können. Die mediale Aufmerksamkeit darf sich nicht auf die Erregungsschleifen über twittertaugliche Thesen richten, sondern muss sich dem Kampf um Ideen widmen, die großen Fragen unserer Zeit angehen. Wer den Profilneurotikern heftig widerspricht, tut einerseits gut daran, doch letztlich wälzt er sich mit ihnen im Schlamm.

"Wer fliegen will, muss den Mist ablegen, der ihn hinabzieht", schrieb Morrison. Die Mutlosigkeit der Debatten ist das herausragende Merkmal der ermüdeten Gesellschaft, die nicht fliegen will.

Kolumne von Jagoda Marinić

Jagoda Marinić, Jahrgang 1977, ist Schriftstellerin, Kulturmanagerin und Journalistin. Auf Twitter unter @jagodamarinic. Sie studierte Politikwissenschaft, Germanistik und Anglistik an der Universität Heidelberg. In ihrem aktuellen Debattenbuch "Sheroes" plädiert sie für ein lebhaftes Gespräch unter den Geschlechtern. Alle Kolumnen von ihr finden Sie hier.