US-Außenminister in Deutschland:Mission "thank you"

"Herzzerreißende Entscheidungen": US-Außenminister Antony Blinken spricht in Ramstein mit einem afghanischen Jungen und seinen Eltern über ihre Erfahrungen.

"Herzzerreißende Entscheidungen": US-Außenminister Antony Blinken spricht in Ramstein mit einem afghanischen Jungen und seinen Eltern über ihre Erfahrungen.

(Foto: Olivier Douliery/AFP)

US-Außenminister Blinken besucht Katar und den US-Luftwaffenstützpunkt Ramstein in der Pfalz. Er kommt, um sich zu bedanken - und über den Umgang mit den Taliban sowie weitere Evakuierungen zu sprechen.

Von Daniel Brössler, Berlin, Gianna Niewel, Ramstein, und Paul-Anton Krüger

Auf seiner Dankesreise zu wichtigen Verbündeten folgt US-Außenminister Antony Blinken dem Weg der aus Kabul evakuierten Afghanen: Bevor er am Mittwoch auf dem US-Luftwaffenstützpunkt Ramstein in der Pfalz landete, beehrte er das Golfemirat Katar. Seine Aufenthaltsdauer spiegelte ein wenig den Beitrag, den die Alliierten bei der Rettungsmission geleistet haben: eineinhalb Tage Katar, "fast ein ganzer Tag" Deutschland, wie Blinken sagt.

Auf den Luftwaffenstützpunkt al-Udeid vor den Toren der katarischen Hauptstadt Doha flog das US-Militär mehr als 58 000 Menschen aus. In Ramstein kamen bis Montagvormittag nach Angaben des Bundesinnenministeriums 34 103 Menschen aus Afghanistan an - viele via Katar. 20 943 Menschen seien aber schon wieder in die USA ausgeflogen worden, hieß es. Ramstein ist damit das zweite wichtige Drehkreuz der Evakuierungsmission.

Blinken traf afghanische Schutzsuchende. Auf dem Rollfeld geht der Minister im Anzug in die Knie, hört von afghanischen Kindern und deren Eltern, was sie erlebt haben in den vergangenen Tagen und Wochen, was sie sich erhoffen für ihr neues Leben. Von "herzzerreißenden Entscheidungen", wie er es selbst genannt hat. Und von zerrissenen Familien. Blinken ist auch gekommen, um dem US-Personal zu danken, Diplomaten und Soldaten, die das Rückgrat der Rettungsbrücke bildeten.

Ebenfalls nach Ramstein gereist ist der deutsche Außenminister Heiko Maas (SPD), der unter Druck steht wegen heftiger Vorwürfe der Opposition, in der Afghanistan-Krise versagt zu haben. Er bemüht sich erkennbar um einen möglichst harmonischen gemeinsamen Auftritt mit Blinken. "Mit keinem anderen Partner haben wir uns zu Afghanistan zuletzt enger ausgetauscht als mit den USA", betont Maas. Er sei "dankbar dafür, wie eng wir einander bei der Evakuierung unserer Staatsangehörigen und Ortskräfte unterstützt haben". Nun wolle man auch in der nächsten Phase "gemeinsam und koordiniert vorgehen, gerade auch im Hinblick auf den Umgang mit den neuen Machthabern in Kabul".

In Ramstein demonstrieren Blinken und Maas Einigkeit

Tatsächlich geht es für Maas und Blinken auch um Schadensbegrenzung in den bilateralen Beziehungen. Mit ihrem Alleingang beim Abzug aus Afghanistan hatten die USA den zweitgrößten Truppensteller Deutschland vor vollendete Tatsachen gestellt. In den Tagen und Wochen vor dem Fall Kabuls fühlte man sich in Berlin von der US-Regierung schlecht informiert. Noch im Juni hatte Maas während eines Berlinbesuchs geschwärmt, dass er mit dem neuen Kollegen Blinken eigentlich "immer einer Meinung" sei. Dann trübte sich das Verhältnis zur Regierung von Joe Biden merklich ein.

In Ramstein allerdings ist davon wenig zu spüren; Blinken und Maas überbieten sich in Beteuerungen der deutsch-amerikanischen Freundschaft und im Lob für die Kooperation bei der Evakuierungsmission. Gemeinsam fungieren sie dann auch als Gastgeber eines virtuellen Außenministertreffens. Thema der Videoschalte mit 20 Kolleginnen und Kollegen ist auch die drohende "dreifache humanitäre Krise", wie Maas es formuliert. In vielen Teilen des Landes herrsche schon jetzt Nahrungsmittelknappheit wegen der Dürre. Zugleich seien internationale Hilfszahlungen gestoppt worden.

Wenn eine neue Regierung nicht in der Lage sei, "die Staatsgeschäfte am Laufen zu halten", drohe nach dem politischen der wirtschaftliche Kollaps. Wie groß die Angst davor ist, hatte Maas vergangene Woche immer wieder während einer Tour durch Nachbarstaaten Afghanistans zu hören bekommen.

Im Zentrum der Debatte stand jedoch, "wie ein gemeinsamer Umgang mit den Taliban aussehen kann, der auch unseren Interessen dient", sagte Maas und nannte die Kriterien: Einhaltung grundlegender Menschenrechte vor allem in Hinblick auf Frauen, der Aufrechterhaltung von Ausreisemöglichkeiten und humanitärer Zugänge und dem Kampf gegen Terrorgruppen wie al-Qaida und IS.

In Pakistan war Maas mit dem dringenden Wunsch konfrontiert worden, eine neue Taliban-Regierung möglichst schnell anzuerkennen. Davon aber war in Ramstein keine Rede: Internationale Legitimität müssten sich die Taliban erst durch die fortgesetzte Einhaltung der Forderungen der internationalen Gemeinschaft verdienen, sagte Blinken und verwies darauf, dass diese von mehr als 100 Staaten geteilt und in einer UN-Resolution festgeschrieben sein, die auch die Vetomächte China und Russland im Sicherheitsrat durch eine Enthaltung passieren ließen.

Flüge von und nach Kabul soll es bald wieder geben

Ziel der Beratungen war auch, den in Afghanistan zurückgebliebenen westlichen Staatsangehörigen, den Ortskräften und anderen schutzbedürftigen Afghanen so schnell wie möglich die Ausreise zu ermöglichen. Der Flughafen in Kabul soll zumindest für Charterflüge und humanitäre Hilfslieferungen ertüchtigt werden. Katar rechne damit, dass es bald so weit ist, hatte Außenminister Mohammed bin Abdulrahman al-Thani am Dienstag verkündet.

Der Bundesregierung könnte aus ihrer Unterstützung für die Amerikaner indes ein innenpolitisches Problem erwachsen: Etwa 90 Menschen beantragten bis Montag Asyl in Deutschland, statt in die USA oder andere Drittländer weiterzureisen. Maas sagte dazu, die Rechtslage sei völlig klar. Es habe aber nur "weniger als ein Prozent der Menschen, die hier angekommen sind", Asyl beantragt. Es gebe dafür unterschiedliche Gründe, etwa Familienangehörige in Deutschland. Er gehe aber davon aus, dass nur noch für wenige Wochen aus Afghanistan ausgeflogene Menschen in Ramstein sein werden "und dass diese Situation deshalb absolut kontrollierbar bleiben wird".

© SZ/skle
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