Raketen-Attrappe Nordkoreas:Drohkulisse aus Blech

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Nordkoreas Führung rüstet rhetorisch gegen Südkorea auf, aber wie es um seine tatsächliche Schlagkraft steht, ist unklar. Analysten halten die vor kurzem vorgeführten Flugkörper für "hastig zusammengeschusterte Attrappen". Trotzdem warnt China vor einem baldigen Atomtest des Landes.

Paul-Anton Krüger

Die nordkoreanische Propagandamaschine läuft heiß, angetrieben von Hass. Seitenweise arbeitet sich das Parteiblatt Rodong Sinmun am Erzfeind Südkorea ab. In Cartoons wird Präsident Lee Myung Bak als Ratte verunglimpft, der eine Schnappfalle den Kopf abtrennt. Das Staatsfernsehen unterbricht sein Programm. "Spezielle Aktionen der revolutionären Streitkräfte", sagt die Sprecherin im roséfarbenen Blazer, "werden alle rattengleichen Gruppen und ihre Stützpunkte in drei oder vier Minuten zu Asche verwandeln - dank nie dagewesener, besonderer Mittel und Methoden."

Raketen-Attrappe Nordkoreas: Viele Analysten teilen die Einschätzung der Münchner Raketenexperten Robert Schmucker und Markus Schiller, dass die sechs am 15. April in Pjöngjang vorgeführten Flugkörpern "hastig zusammengeschusterte Attrappen" sind.

Viele Analysten teilen die Einschätzung der Münchner Raketenexperten Robert Schmucker und Markus Schiller, dass die sechs am 15. April in Pjöngjang vorgeführten Flugkörpern "hastig zusammengeschusterte Attrappen" sind.

(Foto: AP)

Diese Tiraden, selbst für nordkoreanische Verhältnisse äußerst kriegerisch, lassen die Regierung in Seoul und ihre Verbündeten eine militärische Provokation erwarten - womöglich einen dritten Atomtest. Die Vorbereitungen dafür seien so gut wie abgeschlossen, sagte ein hochrangiger Informant mit guten Verbindungen in Pjöngjang und Peking der Nachrichtenagentur Reuters.

Selbst Chinas Regierung, die Nordkorea als widerspenstigen, aber strategisch wichtigen Verbündeten sieht, fühlte sich zu einer Warnung genötigt. Auf die Frage nach einem möglichen Atomtest mahnte Vizeaußenminister Ciu Tiankai: "China lehnt alles ab, was den Frieden auf der koreanischen Halbinsel und in Nordostasien gefährden könnte und Chinas Sicherheitsinteressen schädigen könnte."

Die vergangenen Wochen weisen viele Parallelen auf mit der Eskalation im Jahr 2009, die in Nordkoreas zweitem Atomtest am 25. Mai gipfelte. Wie damals scheiterte Nordkorea jüngst beim Start eines Satellitenträgers, diesmal vom Typ Unha-3. Die USA, aber auch Russland sahen darin einen verdeckten Test einer Langstreckenrakete. Wie damals folgte eine einhellige Verurteilung im UN-Sicherheitsrat. Zudem strichen die USA die erst Ende Februar zugesagte Lieferung von insgesamt 240 000 Tonnen Lebensmitteln. Nordkorea erklärte daraufhin, es fühle sich nicht länger an das im Gegenzug zugesicherte Moratorium für Atom- und Raketentests gebunden.

Doch ist die Lage heute weniger berechenbar als vor drei Jahren - und damit auch gefährlicher, wie Daniel Pinkston von der International Crisis Group sagt. Die Führung in Nordkorea habe dem Volk zum 100. Geburtstag des Staatsgründers Kim Il Sung Wohlstand versprochen, doch seien Lebensmittel und Energie bereits wieder knapp.

Die neue Führung unter Kim Jong Un habe sich zudem risikofreudig gezeigt. Dazu kommt, dass Nordkorea 2010 sein geheimes Programm zur Urananreicherung zur Schau gestellt hat und jüngst auf einer Militärparade in Pjöngjang eine neue Rakete vorführte, die dereinst interkontinentale Reichweite erreichen könnte.

Ein zweiter Weg zur Bombe

Hat Nordkorea seine Atomwaffen bislang mutmaßlich aus Plutonium aus dem Forschungsreaktor Yongbyon gebaut, eröffnet die Uran-Anreicherung dem Land einen zweiten Weg zur Bombe. Das extrahierte Plutonium reicht für zwölf bis 18 Sprengköpfe. Doch besitzt Nordkorea große Uranreserven. Die Logik, jeder Atomtest reduziere den Vorrat an Spaltmaterial, gilt nicht mehr.

Zudem dürfte ein dritter Test den Technikern wichtige Informationen liefern, über die Zuverlässigkeit des Sprengkopfs und Möglichkeiten, ihn weiter zu verkleinern. Dies ist Voraussetzung, um einsatzfähige Waffen zu bauen; diese müssen auf eine Rakete passen, sollen sie eine ernsthafte militärische Bedrohung darstellen.

Da kommt die neue Rakete ins Spiel. Viele Analysten teilen die Einschätzung der Münchner Raketenexperten Robert Schmucker und Markus Schiller, dass die sechs am 15. April in Pjöngjang vorgeführten Flugkörpern "hastig zusammengeschusterte Attrappen" sind. So sei die Oberfläche der Raketenspitze wellig, als habe man dünnes Blech auf einen Gitterrahmen fixiert - wie im Modellbau üblich. Dagegen muss ein echter Gefechtskopf extreme Temperaturen und aerodynamische Belastungen aushalten, soll er den Wiedereintritt in die Erdatmosphäre überstehen.

Zudem weist die KN-08 getaufte Attrappe sowohl Merkmale flüssigkeits- als auch feststoffgetriebener Raketen auf, während die Größe des Systems, etwa 18 Meter Länge und zwei Meter Durchmesser, eigentlich nur Feststofftriebwerke zuließe. Ein nordkoreanischer Überläufer, der im Raketenprogramm gearbeitet hat, kam nach Informationen der Süddeutschen Zeitung ebenfalls zum Schluss, dass die einzelnen Komponenten nicht zusammenpassen.

Weniger klar ist, was Nordkorea damit erreichen wollte, die in Tarnfarben lackierten Modelle der Welt vorzuführen. Der frühere US-Verteidigungsminister Robert Gates, meist vorsichtig in seinen öffentlichen Äußerungen, hatte bereits im Juni 2011 auf einer Sicherheitskonferenz in Singapur gewarnt, Nordkorea entwickle eine fahrzeuggestützte Interkontinentalrakete und könne damit zu einer direkten Bedrohung für die USA werden.

Wahrscheinlich wussten die US-Geheimdienste damals schon, dass sich die Nordkoreaner aus China zumindest die Fahrgestelle für achtachsige Speziallastwagen beschafft hatten, die zugleich als Transportvehikel und als Startrampe dienen. Zumindest öffentlich ist aber nicht bekannt, was westliche Geheimdienste zur Einschätzung bringt, dass man es mit einem "ernstzunehmenden Entwicklungsprogramm" zu tun habe. Klar ist dagegen, sagen Schmucker und Schiller, dass es "weiter keine Indizien dafür gibt, dass Nordkorea über eine funktionierende Langstreckenrakete verfügt".

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