Süddeutsche Zeitung

Zum Tod von Rafi Eitan:Der beste Mann des Mossad

Rafi Eitan wurde für die "Operation Finale" berühmt, die Entführung Adolf Eichmanns aus Argentinien. Im Skandal um einen US-Marineoffizier nahm die Karriere des Meisterspions später ein jähes Ende.

Er galt als Israels Meisterspion: Rafi Eitan ist am Samstag in Tel Aviv im Alter von 92 Jahren gestorben. Ab seinem 18. Lebensjahr nahm er, wie Eitan später selbst erzählte, an "hunderten Geheimdienstaktionen" teil. Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges war er an der Rettung jüdischer Flüchtlinge aus den von Deutschland besetzten Gebieten beteiligt, 1946 brachte er zwei deutsche Templer um, die Naziideologie vertreten hatten. Nach der Staatsgründung Israels 1948 schloss er sich den israelischen Geheimdiensten Mossad und Schin Bet an und wurde mit den heikelsten Missionen betraut - obwohl der kleingewachsene Mann schlecht sah und hörte und damit so gar nicht dem Idealbild eines Spions entsprach.

Die bekannteste Aktion, die er leitete, war die "Operation Finale", die Entführung von Adolf Eichmann aus Argentinien. Über den Ablauf gibt es verschiedene Versionen. Nach Darstellung des israelischen Geheimdienstes sind elf Mossad-Agenten im Mai 1960 auf einen Tipp hin nach Argentinien gereist. Dort war der ehemalige SS-Obersturmbannführer untergetaucht. 2014 erzählte Eitan dem israelischen Fernsehen, er habe Eichmann auf der Straße auf die Schulter getippt. Dieser habe sich umgedreht, er habe dessen Narben zu zählen begonnen und realisiert: "Das ist unser Mann!" Dann habe er ihn gemeinsam mit anderen Agenten weggezogen.

Weil Israel mit Argentinien kein Auslieferungsabkommen hatte, wurde Eichmann getarnt als Mitarbeiter der israelischen Fluglinie El Al vorbei an allen Kontrollen in ein Flugzeug gelotst und nach Israel gebracht. Später sagte Eitan, das sei "eine der einfachsten Aktionen gewesen, die ich ausgeführt habe".

Als der Mossad 2017 Geheimakten über die gescheiterte Jagd nach dem KZ-Arzt Josef Mengele freigab, räumte Eitan ein, dass Mengele dem Mossad mindestens zweimal entwischt ist. Der damalige Geheimdienstchef Isser Harel habe verlangt, dass das Mossad-Team nicht nur Eichmann ergreife, sondern auch Mengele mit nach Israel nehme. Der aber habe sich widersetzt, erklärte Eitan später. "Ich wollte nicht zwei Operationen gleichzeitig abwickeln. Denn wir hatten eine erfolgreiche Operation in der Tasche, und wenn du versuchst, eine zweite vorzunehmen, gefährdest du meiner Erfahrung nach beide."

Mengele flüchtete als "Peter Hochbichler" nach Brasilien

Die Nachricht von der Entführung Eichmanns hatte auch Mengele erreicht. Er kehrte nicht mehr in sein Haus in Argentinien zurück, das von Eitan überwacht wurde. Mit einem brasilianischen Pass, ausgestellt auf den Namen "Peter Hochbichler", flüchtete Mengele nach Brasilien. Auch dort war ihm der Mossad auf den Fersen, konnte ihn aber nicht festnehmen.

Eitan war 1981 auch an der Planung zur geheimen Zerstörung des irakischen Atomreaktors Osirak beteiligt. Seine Geheimdienstkarriere nahm ein jähes Ende, als aufflog, dass der US-Marineoffizier Jonathan Pollard für Israel spioniert hatte. Eitan war sein Verbindungsmann. Als Pollard 1985 festgenommen und zu 30 Jahren Haft in den USA verurteilt wurde, erließ das FBI auch einen Haftbefehl gegen Eitan. Später nannte er den Fall Pollard seinen "größten Fehler".

2018 pries Eitan die Erfolge der AfD

Er ging in die Privatwirtschaft, machte Geschäfte mit Kuba, und wechselte später sogar in die Politik. Im Jahr 2006, im Alter von 79 Jahren, wurde Eitan ins israelische Parlament gewählt und übernahm den Vorsitz der Rentnerpartei, bevor er Seniorenminister in der Regierung von Ehud Olmert wurde. Als die Partei nach einer Legislaturperiode aus dem Parlament flog, widmete sich Eitan seiner Familie und seinen Skulpturen.

Erst im vergangenen Jahr wurde er erneut politisch aktiv - für die AfD. In einer Videobotschaft pries er die Erfolge der Partei und forderte, die "muslimische Masseneinwanderung" nach Europa zu stoppen.

Die Berichterstattung über den Tod Eitans wirft wieder einmal ein Schlaglicht auf Eichmann, mit dem jüngere Israelis nicht mehr viel anzufangen wüssten, wie der israelische Soziologe Natan Sznaider feststellt. Mit seinen Studenten liest er in seinen Vorlesungen Hannah Arendts Buch "Eichmann in Jerusalem", in dem ihre berühmte Einschätzung der "Banalität des Bösen" enthalten ist. "Das ist für viele die erste Begegnung mit Eichmann. Der Name sagt ihnen nicht besonders viel."

Eichmann wurde nach einem neunmonatigen Prozess zum Tode verurteilt. Nach ihrer Beschäftigung mit dem Fall fragten die Studenten laut Sznaider als Erstes: "Warum hat man ihn nicht gleich umgelegt? Warum hat man so viel Zeit und Mühe investiert, um ihn aus Argentinien zu schmuggeln und ihm hier den Prozess zu machen?"

Im letzten Jahr brachte der amerikanische Spielfilm "Operation Finale" Eichmanns Geschichte in Israel wieder einem breiteren Publikum nahe. Ben Kingsley stellte Eichmann dar, Nick Kroll Rafi Eitan. Er selbst bezeichnete den Film als "teilweise realistisch".

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SZ vom 25.03.2019
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