Süddeutsche Zeitung

RAF-Terror:Birgit Hogefeld kommt frei

Sie ist der letzte RAF-Häftling: Birgit Hogefeld soll das Gefängnis nach 18 Jahren verlassen dürfen. Die Reststrafe für die Ex-Terroristin wird zur Bewährung ausgesetzt. Hogefeld war an dem selbst bei Sympathisanten umstrittensten RAF-Verbrechen beteiligt.

Zuletzt war sie die einzige Ex-Terroristin aus den Reihen der Roten-Armee-Fraktion, die noch in Haft saß. In den kommenden Wochen kann Birgit Hogefeld nach 18 Jahren hinter Gittern das Frauengefängnis in Frankfurt-Preungesheim verlassen, der Rest ihrer lebenslangen Freiheitsstrafe wird zur Bewährung ausgesetzt, teilte das Oberlandesgericht (OLG) Frankfurt am Freitag mit. Damit kommt eine Leitfigur der dritten RAF-Generation auf freien Fuß. Also aus der dunkelsten Zeit der RAF: Karl Heinz Beckurts, Gerold von Braunmühl, Alfred Herrhausen, Detlev Karsten Rohwedder - die meisten Morde aus den achtziger und frühen neunziger Jahren sind nach wie vor nicht aufgeklärt.

Hogefeld war erst 1984 in den Untergrund gegangen. Bereits im August 1985 darauf war sie am Mord auf den US-Soldaten Edward Pimental beteiligt, dem in der Sympathisantenszene vielleicht umstrittensten RAF-Verbrechen. Sie lockte den GI offenbar mit der Aussicht auf ein Abenteuer aus dem "Western Saloon" in Wiesbaden in einen nahegelegenen Wald - kurz darauf wurde er erschossen. Der Soldat musste sterben, weil die RAF seinen Ausweis am nächsten Tag für ein Autobomben-Attentat auf die US-Airbase brauchte, bei dem zwei Menschen starben. Im Umfeld der Terroristen stießt das auf heftige Kritik: Mit dem Mord habe die RAF "alles, was je auch für den westdeutschen Terrorismus motivierend war, verraten", hieß es in einem offenen Brief. Monate später gestand die RAF ein, der Mord sei ein Fehler gewesen.

Hogefeld soll außerdem einen Ford Fiesta als Fluchtwagen für das Attentat auf den damaligen Finanzstaatssekretär Hans Tietmeyer 1988 besorgt haben. Tietmeyer war unverletzt geblieben. Festgenommen wurde sie im Juni 1993 bei der missglückten GSG-9-Aktion im Bahnhof von Bad Kleinen, sie war damals in Begleitung von Wolfgang Grams. Als die Spezialeinheit zugreift, lässt sich Hogefeld widerstandslos festnehmen, während Grams zu fliehen versucht. Im Kugelhagel sterben Grams und ein Beamter. Der Terrorist, so stellt die Kriminaltechnik später fest, soll sich mit der eigenen Waffe in den Kopf geschossen haben.

Die heute 54-jährige Frau hatte sich schon während ihres Prozesses in den neunziger Jahren klar von der Terrorgruppe distanziert - was das OLG in seiner Entscheidung nun ausdrücklich gewürdigt hat. Außerdem hatte sich Hogefeld, die einst als besonders fanatische RAF-Kämpferin galt, während der Haftzeit zur zielstrebigen Studentin entwickelt. Inzwischen hat sie ein Studium an der Fernuniversität Hagen abgeschlossen und arbeitet an ihrer Dissertation. Seit zwei Jahren ist sie im offenen Vollzug und arbeitet als Freigängerin tagsüber in einem Verlag. Die Bundesanwaltschaft hatte sich ebenfalls für ihre Freilassung ausgesprochen.

Hogefeld hatte bereits 2004 ein Gnadengesuch eingereicht. Auch ein zweites beschied der damalige Bundespräsident Horst Köhler 2010 abschlägig - nach einem persönlichen Gespräch und nach "Abwägung aller Gesichtspunkte". Gemeint war damit wohl ihr Schweigen zu den ungeklärten Anschlägen der RAF, vermutete damals ihr Anwalt. Denn so glaubwürdig sich Hogefeld von den Verbrechen der RAF abgewandt hatte, so eisern blieb ihr Schweigen.

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SZ vom 11.06.2011/jab
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