RAF-Desaster in Bad Kleinen Erschütternder Einsatz

Es endete im Kugelhagel: Der Zugriff auf RAF-Terroristen am Bahnhof der mecklenburgischen Stadt Bad Kleinen vor 20 Jahren geriet zu einem der größten Desaster der deutschen Fahndungsgeschichte. Das Gerücht vom Staatsmord an Wolfgang Grams spukt immer noch durch das Land.

Von Heribert Prantl

Ein Jahr vor Bad Kleinen hatte die RAF in einem fünfseitigen Brief ihre Lage selbstkritisch beschrieben: "Wir haben aus verschiedensten Gründen keine Anziehungskraft mehr für die Menschen entwickelt". Die terroristische Rote Armee Fraktion war seit Jahren isoliert; ein nennenswertes sympathisierendes RAF-Umfeld gab es nicht mehr; Flugblätter, die nach Attentaten "klammheimliche Freude" empfanden, mussten nicht mehr von Staatsschutz und Polizei beschlagnahmt werden - und zwar deshalb, weil sie, anders als früher, keiner mehr schrieb.

In die Isolation gebombt

Die intellektuelle Aufwertung terroristischer Gewalt war Vergangenheit. Kein Politikwissenschaftler vermochte mehr aus dem verbrecherischen Aktionismus auch nur Spurenelemente eines Sinns zu destillieren. Die RAF hatte sich mit ihren blutigen Verbrechen eigenhändig in die Isolation gebombt. Der Sprengstoffanschlag auf die neue, noch nicht in Betrieb genommene Justizvollzugsanstalt im hessischen Weiterstadt im März 1993 sollte eine Demonstration fortbestehender Schlagkraft eines kleinen Kommandos sein. Der Anschlag diente der Aktivierung der wenigen verbliebenen Unterstützer und war der Versuch, die eigene Isolation aufzubrechen: mit einer demonstrativen Abkehr von der Gewalt gegen Personen hin zur Gewalt gegen Sachen. Die RAF brauchte ein neues Image. Man sprengte das leere Gefängnis.

Dann kam, drei Monate später, Bad Kleinen. Bad Kleinen war, wenn man das Desaster böse interpretiert, der letzte Erfolg der RAF: Das Festnahme-Fiasko gab dem Linksterrorismus die Chance, die angebliche Ermordung des RAF-Mitglieds Wolfgang Grams durch den Staat in ihre Propaganda einer "staatlichen Vernichtungsstrategie" einzubetten. Ohne Bad Kleinen wäre der Auflösungsprozess der RAF noch schneller verlaufen, der von da an noch fünf Jahre, bis zum 20. April 1998 dauert: An diesem Tag ging bei der Nachrichtenagentur Reuters ein Brief ein, der mit den Zeilen begann: "Vor fast 28 Jahren, am 14. Mai 1970, entstand in einer Befreiungsaktion die RAF. Heute beenden wir dieses Projekt. Die Stadtguerilla in Form der RAF ist nun Geschichte".

Ungeheure Fehler

Bilanz dieses "Projekts": "67 Tote und 230 oftmals schwer verletzte Menschen auf beiden Seiten. Fünfhundert Millionen Mark Sachschaden. 104 von der Polizei entdeckte konspirative Wohnungen, 180 gestohlene PKW, über eine halbe Million Asservate - Geld, Waffen, Sprengstoff, Ausweise. Elf Millionen Blatt Ermittlungsakten, 517 Personen verurteilt wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung, 914 verurteilt wegen deren Unterstützung". Dies war das Resümee des legendären Horst Herold, der von 1971 bis 1981 Chef des Bundeskriminalamts war, in einem Aufsatz von 2000 für die Süddeutsche Zeitung.

Kunst Ein tödlicher Ort
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Ein tödlicher Ort

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Bad Kleinen hätte ein Triumph der Terrorfahndung werden sollen - und wurde zu einem Fiasko: Wegen ungeheuerlicher Fehler bei dem Zugriff auf die Terroristen und bei der Spurensicherung konnte sich die Fama entwickeln, die Polizei habe das RAF-Mitglied Wolfgang Grams mit einem aufgesetzten Schuss exekutiert. Die RAF setzte einige Hoffnungen auf eine Resonanz auf die angebliche Ermordung von Grams in linksextremen Kreisen.