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RAF:Abgestürzt: früher RAF-Mitglieder, heute Supermarkträuber

RAF, Burkhard Garweg, Ernst-Volker Staub und Daniela Klette

Fahndungsfotos der Polizei (von links): Burkhard Garweg, Ernst-Volker Staub and Daniela Klette

(Foto: AFP)

Ernst-Volker Staub, Daniela Klette und Burkhard Garweg sind zu gewöhnlichen Straftätern "verkommen". Kassiererinnen mit Elektroschockern zu bedrohen - das wäre früher unvorstellbar gewesen.

Samstag, 25. Juni, kurz nach halb vier. Vor der Tür des Matratzengeschäfts "Dänisches Bettenlager" im Gewerbegebiet Moorbusche, Landkreis Wolfenbüttel, rammt ein blauer Opel Corsa einen weißen Geldtransporter. Die beiden Sicherheitsmänner im Transporter schauen durch den Spiegel nach hinten. Bremsen quietschen, vor ihnen stellt sich ein silberner Ford Kombi quer, der Transporter ist eingekeilt. Eine Frau und zwei Männer steigen aus dem Opel und dem Ford, ziehen sich ihre Halstücher ins Gesicht.

Gebrüll, dann Stille. Denn zwischen den Samstagseinkäufern und den Sonderangebots-Pappaufstellern schultert die maskierte Frau eine Panzerfaust.

Ein Verkäufer im Lidl-Markt gegenüber rennt zur Tür, schließt ab, Kunden gehen panisch in Deckung. Sie alle sehen jetzt zu, wie an diesem Samstagnachmittag eine Frau mit Panzerfaust auf der Straße steht und wie einer der beiden maskierten Männer mit einer Kalaschnikow auf die Fahrertür des Geldtransporters feuert. Der dritte Maskierte rennt in das Matratzengeschäft, schießt in die Decke. Es dauert keine zwei Minuten, dann sind die drei wieder verschwunden, davongerast in nördliche Richtung. Im Kofferraum 600 000 Euro.

Grüße aus den frühen Neunzigerjahren

Dass die Fahndung nach der Frau und den zwei Männern seitdem "auf Hochtouren" läuft, wie die Wolfenbütteler Polizei noch am selben Tag mitteilt, ist eine glatte Untertreibung. So hochtourig wie nach diesem Trio wurde in Deutschland schon lange nach niemandem mehr gefahndet.

Der Überfall war ja nur der bislang krönende Abschluss einer ganzen Serie von Supermarkt-Überfällen. Dass es eine Serie ist, haben die Ermittler erst vor Kurzem erkannt. Eher zufällig sind ihnen DNA-Spuren in die Hände gefallen - die Supermarkträuber entpuppten sich als die letzten noch zur Fahndung ausgeschriebenen Mitglieder der Rote-Armee-Fraktion, mit schönen Grüßen aus den frühen Neunzigerjahren: Ernst-Volker Staub, heute 61, Daniela Klette, 57, und Burkhard Garweg, 47.

Drei Menschen, die seit einem Vierteljahrhundert die deutschen Terrorfahnder beschäftigen, so lange ist das vor ihnen noch niemandem gelungen. "Sportlich", sagt ein Beamter. Es sind drei Menschen, die schon so lange auf der Liste der Meistgesuchten des Bundeskriminalamts stehen, dass sich die Fahnder mit dem Gedanken abgefunden hatten, sie seien in Lateinamerika untergetaucht. Es gibt Ermittler, die darüber ergraut sind, andere sind mittlerweile in Rente.

Mit dem Elektroschocker Kassiererinnen bedroht

Es ist ein Wiedersehen mit der jüngsten und zugleich rätselhaftesten Gruppe in der Geschichte des deutschen Linksterrorismus. Zugleich aber ist es die Geschichte eines jähen Absturzes.

Denn so sehr man sich freuen darf, dass die drei RAF-Ehemaligen es heute nicht mehr auf Menschenleben abgesehen haben, sondern nur noch auf Geld, so sehr dürfte dies aus ihrer subjektiven Sicht ein Niedergang sein. Sie sind zu gewöhnlichen Räubern "verkommen" - so sagt das einer jener Strafverfolger, die in diesen Wochen mit Hochdruck nach den dreien suchen.

Das wäre früher unvorstellbar gewesen für die Selbstachtung eines RAF-Kaders: Wer Kassiererinnen mit Elektroschockern bedroht, wie gerade bei einem Überfall, bei dem DNA-Spuren von Garweg und Staub gefunden wurden, der hätte in der linken Szene keinen Fuß mehr auf den Boden bekommen, sagt der Regensburger Politikwissenschaftler Alexander Straßner, der ein Buch über die dritte Generation der RAF geschrieben hat. "Die Masken bei den Überfällen tragen sie wahrscheinlich nicht nur, um nicht erkannt zu werden", sagt er, "sondern auch, um sich gegenseitig nicht ansehen zu müssen."