Radioaktiver Müll Die unendliche Geschichte

Die Atomwirtschaft hinterlässt den Menschen in Deutschland ein strahlendes Erbe - für das es immer noch kein Endlager gibt. Der Salzstock Gorleben ist seit mehr als 30 Jahren im Gespräch. Jetzt beginnt die Erkundung von neuem.

Von Michael Bauchmüller

Rentner lieben Gorleben, es ist der ideale Altersruhesitz. Die Gemeinde im Nordosten Niedersachsens ist verschlafen, ein Feldweg führt vom Ortskern direkt an die Elbe. Zum Radfahren ist die Gegend wie geschaffen, und das Problem von Gorleben liegt gut verborgen im Wald. Wer es nicht sehen will, bekommt von dem Zwischenlager nichts mit, in dem sich der Atommüll stapelt, und von dem geplanten Endlager auf der anderen Seite der Landstraße auch nicht. Ganz, wie es sein soll - jedenfalls aus Sicht der Bundesregierung.

Der Salzstock in Gorleben ist seit mehr als 30 Jahren als Endlager für Atommüll im Gespräch.

(Foto: dpa)

Dass sich rund um das Endlager etwas tut, bekommen die Leute in der Gegend derzeit eher indirekt mit. Rund um das Endlager-Grundstück wurde neuer Stacheldraht angebracht. Und in den Dörfern der Umgebung klopfen jetzt öfters Wohnungssuchende an: Bauarbeiter und Ingenieure, die bald wieder im Salz unter Gorleben buddeln werden. Öfter als zuletzt rollt schweres Gerät durch die Straßen. Alles Weitere passiert hinter den Kulissen, und das schon in den nächsten Wochen, Schlag auf Schlag.

So wird die Bundesregierung in zwei Wochen eine Atomgesetz-Novelle beschließen - und dem Staat das Recht einräumen, Bauern der Region zu enteignen, um das Endlager weiterbauen zu können. Kurz darauf müssen die Behörden den Betriebsplan für Gorleben verlängern, denn der alte läuft Ende September aus.

Weiterhin soll Gorleben nach altem Bergrecht erkundet werden, wie es 1983 galt. Eine Beteiligung der Öffentlichkeit an dem Verfahren bleibt damit ausgeschlossen. Am 1. Oktober dann sollen unter Tage die Arbeiten wieder losgehen. Bagger und Bohrer werden dann beginnen, neue Stollen in den Berg zu treiben. Entlang der Strecken wollen sie herausfinden, ob der Salzstock für hochaktiven Atommüll geeignet ist oder nicht.

Über Tage wächst der Ärger

Über Tage wächst derweil der Ärger. "Wir sind unglaublich empört", sagt Asta von Oppen, die zu den Köpfen des lokalen Widerstands zählt. "Aber wir sind nicht müde. Die Empörung führt eher zusammen." Schon Anfang November könnte sie sich entladen, dann rollt der nächste Castor-Transport ins Zwischenlager Gorleben. Die Stimmung ist aufgeheizt. Seit der Atom-Einigung der schwarz-gelben Koalition fühlen sich viele erst recht zum Protest angestachelt. "Der Ort, wo die neue Atompolitik am ehesten sichtbar wird, ist Gorleben", sagt Wolfgang Ehmke, Chef der Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg. "Und da werden wir auch den Widerstand sichtbar machen." Es ist ein uralter Protest, der da auflebt. Mittlerweile reicht er 30 Jahre zurück.

Ende 1976 tauchte Gorleben erstmals als möglicher Endlager-Standort auf, die Lage erschien allzu günstig. An drei Seiten von der DDR umgeben, lag der Ort im ohnehin strukturschwachen und wenig besiedelten Zonenrandgebiet. Damals suchte der Bund nach einem Ort, an dem er nicht nur Atommüll unterbringen konnte, sondern ursprünglich gleich ein ganzes nukleares Entsorgungszentrum, samt Wiederaufarbeitungsanlage. Zwar gab es noch vier alternative Standorte in Niedersachsen, doch die Entscheidung für Gorleben fiel erstaunlich schnell. Schon im März 1977 entschied das niedersächsische Kabinett, den Ort im Wendland als "vorläufigen Standort" zu benennen. Vorläufig ist er bis heute.

Die rot-grüne Bundesregierung unterbrach die Erkundung im Jahr 2000, um offene Fragen wissenschaftlich zu klären. Doch statt Klarheit erhielt sie ein Sowohl-als-auch: Zwar sei ein Salzstock prinzipiell als Endlager geeignet, andere Gesteine, etwa Ton oder Granit, täten es aber auch. Jede Formation habe ihre Vor- und Nachteile. In Gorleben geschah erst einmal nichts weiter. Die Bagger hielten die Strecken in Ordnung, mehr nicht.