Radikalisierung junger Menschen Warum Terror im Namen des Islam?

Viele der betroffenen jungen Menschen sind offenbar auf der Suche nach einer Alternative zu der Gesellschaft, die sie ihrer Wahrnehmung nach über alles belügt, wie die französische Anthropologin Dounia Bouzar vom Zentrum zur Prävention der islamistischen Radikalisierung in Paris sagt. Die Jugendlichen, so Bouzar auf Arte, würden vor allem über das Internet nach und nach in eine Welt versetzt, in der sich alle gegen sie verschworen hätten - unter der geheimen Kontrolle der Amerikaner, der Zionisten oder der Mächte des Bösen. Propagandisten des IS und von al-Qaida feuern diese Vorstellung an und bieten den Jugendlichen ihren fundamentalistischen Islam als Alternative - mit der Möglichkeit, sich an einem vorgeblich ruhmvollen Kampf gegen das Übel in der Welt zu beteiligen.

Der erste Schritt auf dem Weg in den islamistischen Terror ist offenbar der Salafismus. Besonders angesprochen werden davon junge Menschen mit Wurzeln in muslimisch geprägten Gesellschaften. Aber auch Konvertiten, die sich auf der Suche nach einem tieferen Sinn im Leben entschlossen haben, zum Islam überzutreten, sind offenbar anfällig. Schließlich ist gerade der Salafismus mit seinen klaren Aussagen und strikten Regeln besonders geeignet, das Bedürfnis unsicherer Menschen nach politischer und moralischer Gewissheit zu befriedigen. Darüber hinaus macht der Glaube sie zu Auserwählten. Ghaffar Hussain, ein ehemaliger Islamist, der heute bei der Quilliam Foundation Aussteiger betreut, konstatierte im Spiegel den Terroristen ein elitäres Bewusstsein.

Im vermeintlichen Kampf für das Gute

Zwar werden junge Menschen faktisch "nicht deshalb zu Terroristen, weil sie den Koran lesen oder in die Moschee gehen", sagt Olivier Roy. Seiner Meinung nach ist ihr Weg vergleichbar etwa mit dem der RAF-Mitglieder, die sich über linksextreme Ideologien radikalisiert hatten. Andere Terroristen haben für ethnonationale Ideologien oder andere Religionen getötet. Dazu kommt: Nachdem der Kommunismus verschwunden ist, "ist der Dschihad die einzige weltumspannende Sache, sozusagen der letzte globale Grund, den es noch gibt, für etwas zu kämpfen", so Roy im Spiegel. Die Anliegen etwa der Occupy-Bewegung oder von Umweltorganisationen sind für viele zu kompliziert und theoretisch, ihre Sprecher rufen nicht zu einem heldenhaften Kampf auf Leben und Tod auf.

Für Roy findet heute deshalb keine Radikalisierung des Islam statt, sondern vielmehr eine "Islamisierung der Radikalisierung". Allerdings ist eine solche natürlich gerade deshalb möglich, weil Religionen wie der Islam sich mit ihrem Anspruch auf das Wissen um absolute, nicht zu hinterfragende Wahrheiten dafür anbieten.

Die jungen Terroristen betrachten sich als Teil der Umma, der religiösen Gemeinschaft aller Muslime, die aus ihrer Sicht vor der westlichen Barbarei gerettet werden muss - obwohl sie wenig wissen vom Islam und sich kaum in muslimischen Gemeinden engagieren. Der Umma "gilt fortan ihre Loyalität und nichts anderes zählt mehr", sagt Ex-Islamist Hussain im Spiegel. Daraus erwachse dann oft der Drang, Gutes zu tun. Und der lässt sich missbrauchen.

Hier setzt auch die Terror-Propaganda an: So erklärt die französische Anthropologin Dounia Bouzar im Sender Arte den Erfolg der Werbung für den Dschihad bei jungen Männern auch damit, dass sie mit dem Ideal der Ritterlichkeit werben. Zugleich versuchen sie, jene anzusprechen, die sich schon für Gewalt interessieren. "Dieses Profil nennen wir 'Call of Duty', nach dem Videospiel", sagte Bouzar der NZZ. Für junge Frauen, die sich ebenfalls in großer Zahl dem IS angeschlossen haben, "gibt es das Mutter-Theresa-Profil". Ihnen werde etwa gesagt, es sei ihre Pflicht, nach Syrien zu gehen, um dort verletzte Kinder zu versorgen. Ein anderes - virtuelles - Rollenmodell, das von Terroristen offenbar zum Ködern von Mädchen eingesetzt wird, haben die Wissenschaftler nach der kämpferischen Videospielefigur "Lara Croft" benannt.

Dass sie keine echte Gemeinschaft verteidigen, sondern eine, die ihnen nur eingeredet wird, begreifen viele Anhänger des IS und von al-Qaida offenbar nicht - oder zu spät. Denn sie interessieren sich nicht für verschiedene Auslegungen des Koran, sie denken nicht über die Scharia nach. Vielmehr schauen sich die jungen Männer immer wieder Videos an, die Gräueltaten an Muslimen etwa in Bosnien oder Tschetschenien dokumentieren sollen. Sie hören die Propaganda der Terroristen, die sie dazu aufrufen, misshandelte Brüder und vergewaltigte Schwestern nicht im Stich zu lassen.

Selbst die furchtbaren Enthauptungsvideos der IS-Terroristen oder von tschetschenischen Extremisten, die vor der Kamera russische Soldaten köpfen, vermitteln ihnen deshalb keine Übelkeit sondern ein Erfolgserlebnis, wie es etwa der Ex-Propagandist von al-Qaida, Irfan Peci, in seinem Buch "Der Dschihadist" beschreibt. Zugleich stumpfen die jungen Menschen von den blutrünstigen Videos ab