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Radikalisierung junger Menschen:Gefährliche Sehnsucht nach Gruppenzugehörigkeit

Eine wichtige Rolle bei der Radikalisierung spielt die Neigung des Menschen, Gleichgesinnte zu suchen. Bei den meisten jungen Terroristen findet die Radikalisierung anfänglich in kleinen Gruppen statt. Terroristische Zellen seien häufig nur Banden arbeitsloser, alleinstehender junger Männer, die sich in Cafés, Studentenwohnheimen, Fußballklubs treffen oder in Chatrooms kennenlernen, und plötzlich mit dem Engagement für die neue Gruppe einen Sinn in ihrem Leben finden, sagt Scott Atran. Und bekanntlich tun junge Leute gerade in Gruppen immer wieder dumme Dinge, um ihren Mut und ihr Engagement unter Beweis zu stellen.

Das kann durch eine Ideologie oder Religion verstärkt werden. Nicht nur durch das sprichwörtliche Versprechen eines Paradieses, sondern auch durch das Gefühl der spirituellen Ehrfurcht, das sich einstelle, wenn man sich einem Kreuzzug, einer Berufung, einer visionären Suche oder einem heiligen Krieg anschließe, so Atran. "Menschen definieren ihre Gruppenzugehörigkeit mit abstrakten Begriffen", sagt er. "Sie streben oft nach dauerhaften, geistigen und emotionalen Verbindungen mit Menschen, die sie noch nicht kennen, und sie sind bereit zu töten oder zu sterben, nicht um ihr eigenes Leben oder das ihrer Familie und Freunde zu schützen, sondern für eine Überzeugung - eine metaphysische moralische Vorstellung davon, wer sie sind."

Intuitiv ist das schwer zu verstehen, schließlich steht es dem Lebenserhaltungstrieb entgegen. Es gibt aus biologischer Sicht dafür jedoch eine Erklärung. Ursprünglich entwickelte sich die Opferbereitschaft in Bezug auf die eigene Familie, was offenbar einen evolutiven Vorteil bedeutet hat. Doch wir können auch Nichtverwandte wie Familienmitglieder wahrnehmen. Zu den Faktoren, die dazu beitragen, "gehört unter anderem die Erfahrung, dass man zusammen aufgewachsen ist", schreibt der amerikanische Evolutionspsychologe Steven Pinker in seinem Buch "Gewalt". Aber auch Mythen von einer gemeinsamen Abstammung, gemeinsame Rituale und Leiden, äußerliche Ähnlichkeit - auch künstlich hergestellte - sowie Metaphern wie Bruderschaft, Familie oder Vaterland.

Pinker zufolge bedienen sich auch Militärführer der entsprechenden Kunstgriffe, damit sich ihre Soldaten wie genetische Verwandte fühlen und für einander Risiken eingehen. Teams von Soldaten werden zu Waffenbrüdern, die bereit sind, ihr Leben für das der anderen zu riskieren oder sogar zu opfern. Das vielleicht wirksamste Motiv, zum Märtyrer zu werden, sagt auch Scott Atran, sei die Gelegenheit zur Mitgliedschaft in einer glücklichen Gruppe von Brüdern.