Radikalisierung junger Menschen Ruhm und Heldentum

Dabei wünsche sich jeder Ruhm und Bedeutung, sagt Terrorismusexperte Kruglanski. "Wir haben Angst, als Staubkorn in einem Universum zu enden, das sich nicht um uns schert." Was diese "entfremdeten und gelangweilten jungen Männer" deshalb suchen, hat der französisch-amerikanische Anthropologe Scott Atran in Psychologie heute zusammengefasst: Kameradschaft, Wertschätzung und Sinn, aber auch den Nervenkitzel von Action, ein Gefühl von Macht sowie Ruhm. Viele wollten sich für eine aufregende, vielleicht sogar gefährliche Sache einsetzen, die Anerkennung verspricht. Ein Gefühl, das Atran zufolge besondere Bedeutung hat, ist "Erhabenheit", (der Originaltext von Scott Atran hier).

Auch andere Experten weisen auf diese Faktoren hin. "In einer bestimmten Phase sind junge Männer anfällig für radikale Ideen, für die man kämpfen kann und mit deren Hilfe man sich ethisch auch noch besonders erhaben fühlen darf", sagt Norbert Leygraf der FAZ. Manche haben ihm zufolge das Bedürfnis, einer elitären Gruppe anzugehören und für ethisch hochstehende Ziele in den Kampf ziehen zu können. Dazu kommt dem französischen Politikwissenschaftler Olivier Roy zufolge unter Jugendlichen das Gefühl, man müsse unbedingt berühmt sein. "Man muss ein Held sein. Auch wenn man ein negativer Held ist, das spielt dabei keine Rolle", so der Islamismus-Experte im Spiegel.

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"Radikalisierung ist ein Prozess, der glücklich macht"

Wie werden Menschen zu Attentätern? Gibt es Muster bei der Radikalisierung? Ein Gespräch mit dem Islamismus-Experten Ahmad Mansour.

Psyche und Persönlichkeit

Die allermeisten jungen Menschen im Westen, die massive Probleme mit der Gesellschaft haben, werden trotzdem keine Terroristen. Es müssen demnach weitere, wichtige Faktoren hinzukommen. Dazu gehören Psyche und Persönlichkeit. Zwar gehen Fachleute davon aus, dass Terroristen in der Regel nicht geisteskrank sind. Aber "bei allen Jugendlichen (muslimisch oder nicht muslimisch), die in der Gesellschaft nicht angekommen sind oder die das Gefühl bekommen, dass sie irgendwie nicht dazugehören", gilt dem Psychologen Ahmad Mansour zufolge: "Kommen zu diesen Gefühlen instabile Persönlichkeitsstrukturen, entwickelt sich ein Zeitfenster von ein bis zwei Jahren, in dem sie für eine Radikalisierung sehr anfällig sind". Mansour weiß aus erster Hand, wovon er spricht. Als Jugendlicher war er selbst radikaler Islamist. Heute arbeitet er bei Hayat, einer Beratungsstelle für Aussteiger aus der Dschihadisten-Szene.

Olivier Roy bescheinigt den islamistischen Terroristen im Spiegel "eine moderne Gewaltkultur, die durch und durch narzisstische Ausprägungen hat". Leygraf zufolge wirkte Fritz Gelowicz, Kopf der Sauerlandgruppe, die in Deutschland einen Anschlag geplant hatte, wie "ein narzisstisch geprägter Mensch". Adem Yilmaz, ein weiteres Mitglied der Gruppe, war "von Größenfantasien beseelt". Bei einigen der von ihm untersuchten Terroristen oder Anhängern von Terrororganisationen identifizierte er ein überhöhtes Selbstbewusstsein und aggressive Impulse, auch psychotische Phasen waren vorgekommen. Insgesamt handelte es sich um "primär dissozial auffällige Persönlichkeiten", also um Menschen, deren Empathiefähigkeit eingeschränkt war.

Daniel Schneider, Atilla Selek, Fritz Gelowicz und Adem Yilmaz, die Sauerlandgruppe, in Düsseldorf vor Gericht

(Foto: dpa)

Der forensischen Psychiaterin Nahlah Saimeh fällt bei den Betroffenen auf, dass die Ursache für die eigene Unterlegenheit oder die der Gruppe, mit der sich der Betroffene identifiziert, nicht bei sich selbst, sondern "im Außen" verortet wird. "Die Fehlentwicklung lässt sich im Grunde mit dem Prinzip des malignen Narzissmus vergleichen, der in mörderischer Wut und Hass das zu zerstören trachtet, was er als Ursache für die eigene Niederlage und Kränkung ansieht", sagte Saimeh der SZ. "Es werden Grandiositäts- und Triumphfantasien entwickelt, verknüpft mit Rachsucht."