Radikale Salafisten "Ich geb 'nen Scheiß auf die Politik, den Staat und die Bullen"

Sie predigen eine besonders strenge Form des Islam und machen den deutschen Sicherheitsbehörden große Sorgen: Der radikale Flügel der Salafisten wächst rapide und gebärdet sich zunehmend gewaltbereit. Doch die Extremisten sind untereinander zerstritten, innerhalb der Szene gibt es massive Kritik an den Gewalttätern. Schreitet der Staat nun zu hart ein, könnte das die Gruppe wieder zusammenschweißen.

Von Jan Bielicki

Der Mann hat sich ein Palästinensertuch um den Kopf gebunden, und auch seine Jacke in geflecktem Tarn-Olivgrün zeigt, welche Rolle ihm am besten gefällt: Als Kämpfer inszeniert sich der 35-Jährige, der sich derzeit Abu Talha al-Almani nennt. "Ein paar kleine Verletzungen", so berichtet er stolz via Internet, habe er davongetragen, als er am vergangenen Samstag vor der König-Fahd-Akademie in Bonn mit dabei war, als radikale Islamisten auf Polizisten losgingen.

Salafisten protestieren am 8. Mai vor der Zentralmoschee in Köln-Ehrenfeld gegen eine Demonstration der rechten Splitterpartei Pro NRW.

(Foto: Getty Images)

Einer der Extremisten stach dabei auf Beamte ein und verletzte zwei von ihnen schwer. Doch Abu Talha empfindet allein Trauer darüber, "dass ich nicht an der Schlacht teilgenommen habe". Als Schlacht bezeichnet er bereits die ersten Ausschreitungen islamistischer Extremisten am 1. Mai in Solingen.

Bei den Krawallen in Bonn nahm ihn die Polizei vorübergehend fest, er kam schnell wieder frei. Bei der Feststellung seiner Personalien wird der Berliner freilich doch seinen bürgerlichen Namen angegeben haben: Er heißt Denis Mamadou Gerhard Cuspert, war einst unter dem Künstlernamen Deso Dogg eine Größe in der Musikszene des deutschsprachigen Gangsta-Rap und gilt den Sicherheitsbehörden als einer der radikalsten Wortführer der Salafisten in Deutschland.

Diese Sektierer predigen eine besonders strenge, am mythenumrankten Leben des Propheten Mohammed und seiner Gefährten orientierten Form des Islam - und machen den deutschen Sicherheitsbehörden nicht erst seit den Krawallen im Rheinland große Sorgen. Denn derzeit sind die Salafisten die am schnellsten wachsende Extremistengruppe in Deutschland. Zählten die Verfassungsschützer vor wenigen Jahren noch allenfalls wenige hundert Anhänger radikaler Salafisten-Prediger wie des Kölner Ex-Boxers Pierre Vogel oder des Leipziger Imams Hassan Dabbagh, so ist die Bewegung heute auf bundesweit 3500 bis 4000 zumeist junge Menschen angewachsen.

Dazu kommt: Der radikale Flügel dieser Islam-Extremisten gebärdet sich zusehends gewaltbereiter. Manche von ihnen verherrlichen den bewaffneten Heiligen Krieg. Zu ihnen gehört Cuspert: "Auf zum Dschihad, wir kämpfen in Khorasan", hat er in einem seiner Anashid genannten Sprechgesänge gerufen. Von einer "Turbo-Radikalisierung" des Sängers spricht Claudia Schmid, die Präsidentin des Berliner Verfassungsschutzes. Erst im vergangenen Jahr hat Cuspert zusammen mit Mohamed Mahmoud die Gruppe Millatu Ibrahim gegründet, in der Sicherheitsbehörden die Organisatoren der gewalttätigen Übergriffe in Solingen und Bonn vermuten.

"Die streiten sich jetzt untereinander"

Hessen hat Ende April die Ausweisung des Österreichers Mahmoud verfügt, der wegen seiner Propagandatätigkeit für die Terrororganisation al-Qaida bereits vier Jahre in einem Wiener Gefängnis saß. Auch Pierre Vogel, den Star-Prediger der Salafisten-Szene, zählen Staatsschützer mittlerweile zu den Radikalen. Aus Ägypten, wo er derzeit lebt, meldete sich der 33-Jährige mit einer Internet-Botschaft, Titel: "Pierre Vogel distanziert sich". Doch auf Distanz geht der eloquente Prediger darin nicht zu den Gewalttätern, sondern zu den Muslimverbänden, die die salafistische Gewalt verurteilt hatten.

Dennoch warnen Beobachter davor, die radikalen Salafisten als einheitlichen Block zu behandeln: "An den Gewalttätern gibt es massive Kritik innerhalb der Szene", sagt Claudia Dantschke, Islamismus-Expertin vom Berliner Zentrum für Demokratische Kultur. Einige der einflussreichsten salafistischen Wanderprediger fürchteten offensichtlich, dass ihnen die gewaltbereiten Straßenkämpfer jene Propagandaerfolge kaputt schlagen, die sie mit der öffentlichkeitswirksamen Verteilung deutschsprachiger Koran-Exemplare erreicht zu haben glaubten. "Die streiten sich jetzt untereinander", sagt Dantschke, "wenn der Staat jetzt überzogen reagiert, schweißt er sie alle nur wieder zusammen".

Abgestimmter Jugendarbeit, Aufklärung in den Kommunen

Extremismus-Experten wie Dantschke raten im Kampf gegen die Islamisten ohnehin zu einer zweigleisigen Strategie: Zwar sei ein hartes Vorgehen gegen Gewalttäter und Gewaltprediger notwendig, noch wichtiger aber sei es, mit abgestimmter Jugendarbeit und Aufklärung in Kommunen, Jugendzentren, Schulen und Moscheen junge Menschen dem Einfluss salafistischer Hetzer zu entziehen.

Der Salafismus, warnt Dantschke, "ist nicht von außen eingeschleppt", sondern sei vor allem "ein Problem hier aufgewachsener Jugendlicher, die sich entfremdet, isoliert und unverstanden fühlen". Wie einst der Berliner Denis Cuspert: "Ich geb 'nen Scheiß auf die Politik, den Staat und die Bullen", sang er bereits, als noch nicht der Muslim Abu Talha, sondern der Rapper Deso Dogg war.