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Sea-Watch-Kapitänin:Rackete fordert Aufnahme aller Geflüchteten aus Libyen

Sea-Watch-Kapitänin Carola Rackete

Sea-Watch-3-Kapitänin Carola Rackete bei ihrer Festnahme im Hafen von Lampedusa.

(Foto: REUTERS)
  • Sea-Watch-Kapitänin Rackete fordert die sofortige Aufnahme von Geflüchteten, die sich derzeit in Libyen befinden.
  • Der Streit um die Seenotrettung vor Libyen und die Verteilung von aus afrikanischen Ländern Geflüchteten wird beim EU-Außenministertreffen am Montag diskutiert.

Die Kapitänin des Seenotrettungsschiffs Sea-Watch 3, Carola Rackete, hat Europa zur Aufnahme von Menschen aufgefordert, die sich in Libyen in der Hand von Schleppern oder in Geflüchtetenlagern befinden. Rackete sagte der Bild-Zeitung: "Wir hören von einer halben Million Menschen, die in den Händen von Schleppern sind oder in libyschen Flüchtlingslagern, die wir rausholen müssen." Ihnen müsse mit einer sicheren Überfahrt nach Europa geholfen werden.

"Sie müssen in ein sicheres Land", sagte die Kapitänin der Sea-Watch-Seenotretter, die international bekannt wurde, weil sie gegen den Widerstand italienischer Behörden gerettete Geflüchtete in Lampedusa an Land gebracht hat.

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Der Außenminister macht sich für einen festen Verteilmechanismus für Geflüchtete in der Europäischen Union stark. Gegenwind bekommt er von Österreichs Ex-Kanzler Kurz.

Über den Umgang mit Menschen, die im Mittelmeer aus der Seenot gerettet worden sind, diskutieren am Montag auch die EU-Außenminister. Italiens Außenminister Enzo Moavero Milanesi kündigte an, er wolle der EU am Montag neue Lösungsvorschläge vorlegen. Bundesaußenminister Heiko Maas hatte am Wochenende ein "Bündnis der Hilfsbereiten" für die Verteilung von Flüchtlingen gefordert. Er sagte dem Redaktionsnetzwerk Deutschland: "Wir müssen jetzt mit den Mitgliedstaaten vorangehen, die bereit sind, Geflüchtete aufzunehmen - alle anderen bleiben eingeladen, sich zu beteiligen." Maas stellte eine verlässliche Beteiligung Deutschlands in Aussicht: "Unser Angebot steht: Deutschland ist bereit, einen substanziellen Beitrag zu leisten und zu garantieren, immer ein festes Kontingent an Geretteten zu übernehmen." Weil Maas im Urlaub ist, reist Europastaatsminister Michael Roth zu dem EU-Treffen.

Eine sichere Unterbringung für Migranten in Libyen erscheint zurzeit kaum möglich. Das Land ist zwischen zwei rivalisierenden Regierungen gespalten, die seit 2014 gegeneinander kämpfen. In den dortigen Internierungslagern für Migranten sind die Zustände dermaßen katastrophal, dass viele in der Flucht übers Meer den einzigen Ausweg sehen. Berichten zufolge werden viele in den Lagern zu Zwangsarbeit genötigt oder in sklavenähnlichen Zuständen gehalten und verkauft. Zudem sind die Lager in dem Bürgerkriegsland mögliche Angriffsziele, erst vor Kurzem wurden bei einem Luftangriff Dutzende Migranten in einem Lager getötet.

Rackete sagte, Europa habe eine besondere Verantwortung gegenüber Afrika. "Es wird in einigen Ländern Afrikas, verursacht durch industriereiche Länder in Europa, die Nahrungsgrundlage zerstört", sagte sie: "Wir kommen jetzt zu einem Punkt, wo es 'forced migration' gibt, also eine durch äußere Umstände wie Klima gezwungene Migration." Europa beute Afrika aus, und damit entstehe eine Spirale, die zur Flucht führt. "Deshalb gibt es eine historische Verantwortung, Flüchtlinge aufzunehmen, die wegen der Machtverhältnisse oder auch der Klimasituation nicht mehr in ihren Ländern leben können", sagte Rackete und verwies dabei auch auf die Kolonialgeschichte.

Sie nannte die Debatte über die die Zahlen von Geflüchteten in Europa "teilweise absurd". "Die Zahl an Menschen, die wir aufgenommen haben, ist ja immer noch gering, wenn Sie das mit dem Libanon, Jordanien oder anderen afrikanischen Ländern vergleichen", sagte Rackete. Man müsse das besser erklären und dürfe das Thema nicht den rechtspopulistischen Parteien überlassen.

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