Rabin-Mord Israel in den Wochen vor dem Attentat - ein Dokudrama

Von Mechthild Zschau

(SZ vom 29.04.1998) - "Rabin Nazi", "Mit Blut und Feuer verjagen wir Rabin", "Rabin töten". Die Sprechchöre hängen über der brodelnden Menschenmasse wie eine böse Wolke. Plakate gehen in Flammen auf. Sie zeigen Rabins Gesicht mal mit Palästinensertuch, mal einmontiert in die Uniform des SS-Führers Himmler.

Auf dem Balkon über dem Platz steht Benjamin Netanjahu, schaut lächelnd zu, winkt. Das war einen Monat vor Rabins Tod. Eine Hetzkampagne nähert sich ihrem Höhepunkt.

Vor dem Haus des Friedensnobelpreisträgers und Ministerpräsidenten Jitzchak Rabin steht ein Rabbi in Gebetsornat und zelebriert den Todesfluch. Eine Frau fällt ihm in den Arm, ein Polizist verdrängt sie, nicht den Rabbi.

Wenige Tage später wird Rabin von Igal Amir ermordet. Wer steckte hinter dem Mörder, wer hat ihn für welche Zwecke zum Instrument gemacht?

Der israelische Journalist Michael Karpin hat sich aufgemacht in die Dörfer und Siedlungen, die Talmud-Schulen und Universitäten, in die Zentren der Macht und der Politik, um nach den Drahtziehern zu fahnden. Und er findet sie, zeigt sie, benennt sie, entdeckt ein Netz aus ultraorthodoxen Radikalen und rechter Politik, das tief ins Land hineinreicht.

Die Verhandlungen mit Arafat sollen boykottiert werden, und dafür muß Rabin entweder abgesetzt oder als "Verräter am jüdischen Volk" der Lynchjustiz ausgeliefert werden.

Die Menschen aufzuwiegeln, das scheint diesen Männern nicht schwergefallen zu sein. Die Abstimmung in der Knesset für den Friedensprozeß ging 61 zu 59 aus. Das Volk ist genau in der Mitte gespalten in Tauben und Falken.

Die Freude über Rabins Tod äußert sich nicht klammheimlich, und niemand zieht die Rädelsführer zur Verantwortung. Die einen behalten ihre Stellungen, die anderen steigen auf zu Ministern in der Regierung Netanjahu.

Sie haben erreicht, was sie wollten: die Stagnation des Friedensprozesses. Michael Karpin verzichtet bei aller Genauigkeit in der Darstellung des Geschehens auf distanzierende Sachlichkeit.

Mit den Mitteln des Spielfilms baut er einen Rahmen, in dem er den jungen Attentäter vom Aufstehen am Morgen seiner Tat bis zu den tödlichen Schüssen durch Jerusalem ziehen läßt.

Gewaltige Musik braust auf, wenn Karpin von dort aus die Fäden in die Vergangenheit zieht und in die Gegenwart: ins Gespräch mit Igal Amir Igal und seiner Familie.

Ein bewegendes Dokudrama entsteht so, das voller Zorn und Verzweiflung anklagt und sich gleichzeitig vehement für den Frieden einsetzt.