Missbrauchsvorwürfe an Rabbinerschule:"Klima der Angst"

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Missbrauchsvorwürfe an Rabbinerschule: "Ja, ich war Chef und hatte Macht. Doch Machtgebrauch ist nicht schon Machtmissbrauch": Rabbiner Walter Homolka.

"Ja, ich war Chef und hatte Macht. Doch Machtgebrauch ist nicht schon Machtmissbrauch": Rabbiner Walter Homolka.

(Foto: Varvara Smirnova/Imago)

Walter Homolka, Rektor des Abraham-Geiger-Kollegs in Potsdam, soll seine Macht missbraucht und sexuelles Fehlverhalten seines Partners gegenüber Studierenden geduldet haben. Eine Kommission entlastet ihn nun - aber nur teilweise.

Von Annette Zoch, München

Eine Untersuchungskommission der Universität Potsdam hat Walter Homolka, den Gründer und Rektor der Rabbinerschule Abraham-Geiger-Kolleg, teilweise von Missbrauchsvorwürfen entlastet. Die Anschuldigung, er habe sexuelles Fehlverhalten seines Lebenspartners gegenüber Studierenden geduldet, habe sich nicht bestätigt, schreibt die fünfköpfige, von der Uni Potsdam eingesetzte Kommission in einem am Mittwoch vorgestellten Bericht. Als bestätigt sieht sie allerdings Vorwürfe des Machtmissbrauchs.

Die Befragten hätten in der Untersuchung angegeben, Homolka habe ein "Klima der Angst" geschaffen, Studierende und Mitarbeitende angeschrien und verbal herabgewürdigt. Der Bericht attestiert Homolka zudem eine "Ämterhäufung". Die sei zwar nicht per se als Machtmissbrauch zu werten, mache diesen aber wahrscheinlicher. Befragte Studierende hätten die Ämterhäufung als einschüchternd empfunden, bei der Stipendienvergabe oder bei Ordinierungsverfahren sei es zu individuellen Entscheidungen oder Gremienbeschlüssen gekommen, die den Karriereweg Einzelner negativ beeinflusst hätten.

Homolka selbst habe dafür in der Befragung jeweils sachliche Begründungen nennen können, sodass dieser Widerspruch von der Untersuchungskommission nicht aufzulösen gewesen sei. Dazu sei sie zeitlich und auch fachlich nicht in der Lage gewesen, heißt es in dem Bericht: "Immerhin wurde die Furcht, Herrn Prof. Homolka zu widersprechen oder sein Missfallen sonst wie zu erregen, so oft und konsistent dargestellt, dass sie nicht als jeweils individuelle Idiosynkrasie erscheint. Es ist nicht unplausibel, sie als tatsächlich vorhanden anzunehmen."

Homolka selbst spricht von Rufmord

Homolka selbst weist die Vorwürfe scharf zurück. In einem Interview mit der Zeit spricht er von "Rufmord": "Ja, ich war Chef und hatte Macht. Doch Machtgebrauch ist nicht schon Machtmissbrauch." Über Karrieren hätten stets Gremien entschieden. Die Strukturen seien "vielleicht nicht ideal", sie müssten nun erneuert werden. Zur Frage, wie er sich die gehäuften Anschuldigungen erkläre, sagte Homolka: "Alle Vorwürfe gehen letztlich auf einen ersten zurück: Ich hätte vertuscht, dass mein Lebenspartner, der auch am Kolleg arbeitete, einen pornografischen Clip an einen Studenten versendet hat. Wahr ist, es gab den Clip." Er habe aber erst davon erfahren, als der Student den Vorfall beim Kolleg und bei der Polizei angezeigt habe. Das Ermittlungsverfahren war wegen Geringfügigkeit eingestellt worden.

Dem Partner Homolkas, der am AGK angestellt gewesen war, hatte die Universität zwischenzeitlich gekündigt. Sein Verhalten war deshalb kein Untersuchungsgegenstand. "Was mein Partner getan hat, war grundfalsch", sagte Homolka. "Dass er nun seine Anstellung verloren hat, wäre ihm nicht passiert ohne mich: Meine Person wird skandalisiert."

Homolka ist seit 1. Oktober wieder als Professor im Dienst der Uni Potsdam. "Soweit wir nach erster Sicht des Berichts sehen, ergeben sich keine straf- und zivilrechtlichen Konsequenzen und damit auch keine beamtenrechtlichen Konsequenzen", sagte der Präsident der Universität, Oliver Günther, am Mittwoch. Man sehe keine Grundlage für ein Disziplinarverfahren. Gleichwohl soll es Reformen am AGK geben, Interimsdirektorin Gabriele Thöne brachte am Mittwoch eine "unabhängige Ausbildungsstiftung" ins Spiel.

Kanzlei Gercke untersucht mehrere Institutionen

Parallel zur Untersuchung der Universitätskommission hatte der Zentralrat der Juden bei der Kölner Kanzlei Gercke Wollschläger ein eigenes Gutachten in Auftrag gegeben, das derzeit nicht nur das Abraham-Geiger-Kolleg, sondern auch die Leo Baeck Foundation, das Zacharias Frankel College, das Ernst-Ludwig-Ehrlich-Studienwerk, die Union progressiver Juden und die Allgemeine Rabbinerkonferenz untersucht. Dieser Bericht soll Ende des Jahres vorliegen. Die Kanzlei Gercke Wollschläger hatte auch das zweite Missbrauchsgutachten für das Erzbistum Köln erstellt.

Das Institut für Jüdische Theologie ist Teil der Universität Potsdam. Künftige progressive Rabbiner studieren gleichzeitig dort und am unabhängigen Abraham-Geiger-Kolleg, wo seit 1999 Rabbiner für jüdische Gemeinden ausgebildet werden. Das Institut für Jüdische Theologie ist dabei für die akademische, das Geiger-Kolleg für die religiöse Ausbildung zuständig.

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