Süddeutsche Zeitung

Führungspositionen:Es braucht eine Ost-Quote

Und zwar eine mit Verfallsdatum - eine, die im Papierkorb landet, sobald die Mischung stimmt. Die Bürger aus den neuen Bundesländern haben immer noch zu wenig Einfluss in Deutschland.

Man muss sich ja nichts vormachen: Das Interesse der Westdeutschen an Ostdeutschland war immer begrenzt. Wer von ihnen war jemals in Angermünde? Ebenso umgekehrt: Was weiß der Dresdner von Solingen? Nicht viel. Und das ist kein Drama. Man weiß umeinander, hat aber sein eigenes Leben.

Problematisch ist etwas ganz anderes: dass im 30. Jahr des Mauerfalls der Osten noch immer keine Stimme hat. Nur 1,7 Prozent der Spitzenpositionen in Politik, Verwaltung, Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur oder beim Militär werden von Ostdeutschen besetzt. So weit die schlechte Nachricht. Die Gute ist: Der Osten will das jetzt ändern - und hat eine Quote ins Spiel gebracht.

Ostdeutsche sollen 20 Prozent aller bundesdeutschen Spitzenpositionen bekommen und mehr als die Hälfte der Chefsessel in den neuen Ländern besetzen, lauten die Forderungen. Man müsse damit aufhören, den Westen im Osten nachbauen zu wollen, und damit beginnen, den Osten aufzubauen.

Mutig hat das die vormalige Grünen-Bundestagsabgeordnete Antje Hermenau, eine Sächsin, auf den Punkt gebracht. Was der Sachse denkt und möchte, wolle er selber sagen - und nicht mehr von den aus dem Westen importierten Chefs hören. Die könnten mit goldenem Handschlag verabschiedet werden.

Das klingt nach einer radikalen Forderung. Setzt man sie aber ins Verhältnis mit 30 Jahren Wartezeit, hört sie sich eher pragmatisch an. Und es ist ja nicht zu bestreiten, dass es nur so geht. Will der Osten endlich Spitzenjobs in der Verwaltung, in Kulturstätten oder in Universitäten besetzen, dann müssen die jetzigen Chefs gehen. Diese Logik wird nicht allen gefallen, aber in einem Jahr, in dem drei Landtagswahlen im Osten anstehen, tun alle gut daran, sie nicht zu ignorieren.

Ob es einer Quote bedarf, um den Osten selbstbestimmter zu machen und die Stimme der neuen Länder im gesamtdeutschen Konzert vernehmlicher, hängt auch davon ab, was man als Ursache für den Mangel sieht. Bei der Frage gehen die Ansichten auseinander.

Die CDU in Thüringen hält jedenfalls nichts davon. Es sei kein Nachteil, aus Ostdeutschland zu sein; mit dem Argument hat Christian Hirte, der Ostbeauftragte der Bundesregierung, der Quote eine Absage erteilt. Die Begründung greift allerdings deutlich zu kurz.

Endlich selbstbewusst genug

Wenn Ostdeutsche jetzt den Mund aufmachen und eine Quote fordern, wollen sie nicht mehr nur den geografischen Geburtsnachteil ausgleichen - sondern zugleich anwenden, was sie in den vergangenen, durchaus harten Jahren des Umbruchs gelernt haben. Nach 30 Jahren sind sie endlich selbstbewusst genug, einzufordern, was selbstverständlich ist. Statt sich zu ärgern, dass undankbare Ossis hilfreiche Westdeutsche heimschicken wollen, könnte man sich auch freuen: Die Ossis wollen ihr Schicksal endlich selbst in die Hand nehmen.

Wie also die Dynamik nutzen? Sieht man sich die Bilanz seit 1990 an, spricht vieles dafür, den neuen Aufbruch nicht dem Zufall zu überlassen. Da ist das Versprechen von 1992, Bundesbehörden im Osten anzusiedeln. Sechs gibt es dort jetzt, im Westen etwa zehn mal so viele.

Ähnlich sieht es bei der politischen Mitsprache aus. Die Parteispitzen sind westdeutsch besetzt, in Berlin dominieren die Netzwerke der alten Länder. Das sind Argumente dafür, eine Quote einzuführen. Aber mit Verfallsdatum. Sobald die Mischung stimmt: Ab in den Papierkorb.

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SZ vom 19.02.2019/mcs
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