Querdenker mit Verschwörungsglauben:"Immer radikaler"

Vor dem Reichstag nach einer Kundgebung im Berlin im August 2020. Es zeigte sich deutlich: Die "Querdenker" sind nicht nur harmlose Demonstranten.

Vor dem Reichstag nach einer Kundgebung im Berlin im August 2020. Es zeigte sich deutlich: Die "Querdenker" sind nicht nur harmlose Demonstranten.

(Foto: Jean-Marc Wiesner/Imago)

Manche Politiker und Teile der Sicherheitsbehörden sind immer noch naiv, wenn es um die Bewegungen hinter den Corona-Demonstrationen geht, warnt ein Antisemitismusexperte.

Der Beauftragte gegen Antisemitismus in Baden-Württemberg, Michael Blume, warnt vor Gewalt und Terrorgefahr durch Verschwörungsgläubige im Umfeld der Demonstrationen gegen Corona-Maßnahmen. "Ich glaube leider, dass in den nächsten Jahren die Radikalisierung weitergeht. Dass wir Gewalt und möglicherweise auch Terror erleben werden", sagte Blume dem Nachrichtenportal Watson am Dienstag.

Manche Politiker und Teile der Sicherheitsbehörden würden weiter zu naiv auf die Bewegung hinter den Demonstrationen von Bündnissen wie "Querdenken" blicken. "Ich erlebe immer noch, dass Politiker meinen: Ja, aber man kann doch vernünftig miteinander reden. Und ich muss dann erklären: Nein. Bei denjenigen, die tief im Verschwörungsglauben versinken, setzt die Vernunft aus."

Über digitale Medien in eine Parallelwelt

Zwar schrumpften die Teilnehmerzahlen der Demonstrationen, "aber die Leute, die dabeibleiben, werden immer radikaler", warnte Blume. In der Szene hinter den Corona-Demos gebe es Menschen, die sich über die digitalen Medien völlig in eine Parallelwelt zurückzögen. Der Beauftragte rief dazu auf, gegen Menschen vorzugehen, die mit Verschwörungsmythen und Radikalisierung Geld verdienten. "Dann können wir zumindest künftige Gewalt und Terror noch eindämmen."

Zugleich bestehe die Gefahr, dass Verschwörungsgläubige sich nach der Covid-19-Pandemie der Klimakrise zuwendeten, sagte Blume. "Das würde bedeuten, dass diese Verschwörungsbewegung noch auf Jahre hinaus aktiv bleiben kann - und dann meint, Umweltschützerinnen oder den Christopher Street Day als Gefährdung zu sehen, der sie mit Gewalt begegnen müssten."

Wer jahrelang im Verschwörungsglauben stecke, finde nur noch ganz schwer heraus - und werde eher zornig, wenn der Rest der Welt sich normalisiere. Nötig seien Beratungsstellen und Aussteigerprogramme wie für Rechtsextreme und Islamisten, forderte Blume. Die Kirchen stellten sich in diesem Bereich immer stärker auf. Er selbst bekomme viele Anfragen von Seelsorgern, auf die Betroffene zukämen, die "quasi wieder den Rückweg" suchten. Nicht alle Menschen würden aus dem Verschwörungsglauben herausfinden. "Aber denjenigen, die noch aussteigen wollen, sollten wir unbedingt die Hand reichen."

© SZ/kna/mcs
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