Queen Victoria Die Viktorianer-Garde

Einer der Anführer der Brexiteers im Unterhaus hat ein Buch über die legendäre Königin geschrieben. Es soll für den EU-Ausstieg werben.

Von Cathrin Kahlweit

Wenn die Briten an diesem Freitag den 200. Geburtstag ihrer Königin Victoria feiern, können sie das mit einem Besuch der Räume im Kensington Palace tun, wo die junge Prinzessin einst lebte. Oder in Osborne auf der Isle of White, wo Victoria und ihr geliebter Gatte Albert gern die Sommerfrische verbrachten. Sie könnten aber auch das Victoria & Albert-Museum besuchen, dessen Grundstein die Königin einst legte, oder ihr Grab in der Nähe von Frogmore House, wo heute das junge Glück, Meghan, Harry und Archie, wohnt.

Oder sie können die viktorianische Ära, in der Großbritannien zur dominierenden Industrienation und Kolonialmacht aufstieg, in einem neuen Buch bewundern, das zum Jubiläum der populären Monarchin auf den Markt kam. Jacob Rees-Mogg hat es geschrieben, einer der einflussreichsten Brexiteers des Landes, Kopf der European Research Group (ERG), in der sich innerhalb der Tory-Partei die Brexit-Fans und May-Gegner organisiert haben. "Die Viktorianer. Zwölf Titanen, die Britannien geschmiedet haben", lautet der Titel. Und eines ist gewiss: Kaum je hat das Buch eines Politikers in Großbritannien so tödliche Verrisse bekommen wie die titanische Begeisterung von Rees-Mogg für das Zeitalter Victorias und ihre Regentschaft von 1837 bis 1901.

Fehlerhaft, ahistorisch, schlecht geschrieben, dünkelhaft sind noch die freundlichsten Anmerkungen der Rezensenten. Die Times nennt das Werk "banal und dumm", der Guardian bezeichnet es als Versuch des Autors, sich selbst wichtig zu machen, um so zu demonstrieren, wie viel er mit den bewunderten Größen des 19. Jahrhunderts gemein habe.

Ein lautstarkes Loblied auf die vergangene Größe des Königreichs

In Rees-Moggs Opus kommen neben Königin Victoria selbst keine Liberalen, keine kritischen Denker, keine Frauen vor (es sei denn, man rechnet den Dank an die Stenotypistinnen, an seine Gattin, die sich um die sechs Kinder gekümmert habe, und an die namenlose "Nanny" dazu). Auch deshalb ist es ein interessanter Einblick in die Gedankenwelt einer durchaus einflussreichen - und, an ihrer Lautstärke gemessen, wachsenden - Gruppe von Menschen in Großbritannien: jener EU-Gegner, welche die sinkende Bedeutung ihrer Nation aufrechnen gegen die vergangene, imperiale Größe des Königreichs und die zurückwollen zu jenen alten Zeiten, für die Rees-Mogg in seinem Habitus, seiner Kleidung, seinen politischen Überzeugungen steht.

In der Einleitung der Titanen-Biografie stellt der Autor fest, es sei verständlich, dass die heutige Gesellschaft, die so wenig Selbstvertrauen habe, nervös "auf die Viktorianer schaue, die an so viel glaubten, ein Ziel hatten und ihr Schicksal selbst in die Hand nahmen". Die Helden, die er vorstelle, so Rees-Mogg, seien "praktische Patrioten" gewesen, die "zu Recht nichts Falsches daran fanden, ihre Zivilisation in andere Länder zu exportieren", und "wussten, dass sie damit Gutes taten". Wie positiv sich doch diese Politiker und Denker von der heutigen Unsicherheit einer Gesellschaft absetzten, klagt er, in der sich moralischer Relativismus breitgemacht habe und die sich damit begnüge, den Niedergang zu verwalten. Das Buch ist, der ERG-Chef verhehlt es nicht, ein Plädoyer für einen harten Brexit. Nur so könne Großbritannien wieder groß werden. Titanisch, nachgerade.