Süddeutsche Zeitung

Militärcoup in Gabun:Sie geben sich als Robin Hood in Camouflage

In Westafrika reiht sich ein Putsch an den anderen, anfangs werden die Militärherrscher häufig wie Heilsbringer empfangen. Ihre Coups spiegeln den Zustand einer fragilen Weltregion wider.

Von Arne Perras

Auch die große Lichtgestalt der afrikanischen Linken, Thomas Sankara, war ein Putschist. Als der junge Offizier 1983 mit einigen Weggefährten die Macht in Burkina Faso ergriff, das damals noch Obervolta hieß, verkörperte er eine sozialistische, panafrikanische Vision, die den Kontinent aus dem Elend erlösen sollte; Sankara wurde gefeiert als Befreier und Revolutionär, er galt bald als Afrikas Che Guevara.

Allerdings wurde Sankara schon vier Jahre nach der Machtübernahme ermordet, und sein plötzlicher Tod hat den Ruf vom selbstlosen und integren Politiker gewissermaßen eingefroren. Sankara verselbständigte sich als Ikone, in ganz Afrika wird er immer noch verehrt als jener Mann, der einem ganzen Kontinent als Vorbild diente. Der Kult um Sankara verleiht einer breiten Sehnsucht Ausdruck, und diese Sehnsucht nach einem besseren Leben, nach mehr Würde, politischer Teilhabe und einem Ende von Elend und Armut ist bis heute weitverbreitet.

Afrika erlebt mehr Militärcoups als jeder andere Kontinent. Das hat einerseits mit dem Schrei nach Leben zu tun, andererseits aber auch mit der Unfähigkeit der Regierungen, ihre Völker zu schützen oder Perspektiven zu bieten. Allerdings ist es auch keinem afrikanischen Putschisten jemals gelungen, den Ruf vom Heilsbringer für längere Zeit zu konservieren. Früher oder später entzaubern sich die Militärherrscher alle - es sei denn, sie sterben so jung wie Sankara und verwandeln sich in einen Mythos.

Jene Offiziere und Generäle, die in Krisenzeiten nach der Macht greifen, tun dies häufig in einem gesellschaftlichen Klima, in dem sich starke Spannungen aufgebaut haben. Mal ist es so wie jetzt in Gabun, wo die Leute die kleptokratische Dauerherrschaft der Bongo-Dynastie satthaben. Sie bejubeln die Soldaten, die sich als Retter präsentieren. Aber es gibt auch diffusere Gemengelagen, wie in Niger, wo das Militär einen demokratisch gewählten Präsidenten gestürzt hat. Dort nützt die Junta antifranzösische Ressentiments aus und stilisiert sich zum Beschützer einer Nation, die möglicherweise eine Militärintervention der Nachbarn abwehren muss.

Alle Putschisten Afrikas geben mehr oder weniger den Befreier, sie treten auf als eine Art Robin Hood in Camouflage. Und in dieser Rolle sind sie vor allem Symptom eines politischen Versagens der Eliten. Die US-Forscher Jonathan Powell und Clayton Thyne haben allein in Afrika seit den Fünfzigerjahren mehr als 200 Coups und Putschversuche gezählt, am häufigsten intervenierte die Armee im Sudan. 17 versuchte Coups gab es dort, sechs waren erfolgreich.

Allein seit 2020 gab es acht erfolgreiche Coups im Westen des Kontinents: zweimal in Mali, zweimal in Burkina Faso, außerdem in Tschad, in Guinea, Niger und nun in Gabun. Alle Länder gehören zum früheren Kolonialreich Frankreichs, weshalb sich Paris die Frage gefallen lassen muss, inwiefern seine postkoloniale Allianzen geeignet waren, Afrikas Entwicklung zu befördern. Viele auf dem Kontinent leben und leiden mit dem Gefühl, dass Frankreich eher ein Hemmnis für sie war und ist. Russland und China nutzen die Wahrnehmung für ihre eigenen Interessen, sie bieten sich als Alternative ohne koloniale Lasten in Afrika an - und haben damit Erfolg.

Dass eine Machtübernahme des Militärs nicht selten von jubelnden Mengen begleitet wird, mag kaum überraschen angesichts der Perspektivlosigkeit der afrikanischen Jugend. Putschisten werden häufig, wenn auch nicht auf Dauer, von einer Welle der Sympathie getragen, die aber vor allem Ausdruck wachsender Verzweiflung ist.

Viele Krisen bündeln sich im Westen Afrikas: der Klimawandel, ethnische Spannungen, steigende Preise für Lebensmittel, Sprit und Dünger; und die Frustration darüber, dass sich privilegierte Zirkel durch Korruption - und auch die Allianz mit der früheren Kolonialmacht - bereichern, während das Volk kaum etwas von den Schätzen hat. Die Ressourcen sind in einigen Putsch-Staaten groß: Gabun hat Wälder, Öl und Gas; Niger besitzt Uran, Guinea verfügt über die größten Bauxitvorkommen weltweit.

Hinzu kommt die wachsende Schutzlosigkeit vor bewaffneten Gruppen und Gewalt. Der französische Antiterrorkampf in der Sahelzone hat zwar einige Führer der Islamisten ausgeschaltet, aber das Gefühl einer existenziellen Verunsicherung vielerorts nicht aufgelöst. Im Gegenteil.

Männer in Uniform, die dem Volk, wie jetzt in Gabun, versprechen, das Land auf die "Straße des Glücks" führen, sind in der Not oft verlockende Kandidaten. Vor allem, wenn es keine anderen Aussichten auf Wandel gibt. Das Heilsversprechen von Putschisten ist umso mächtiger, je länger die Bürger durch Regierungen ausgebeutet, unterdrückt oder belogen wurden. Und das Image einer ordnungsstiftenden starken Hand ist gerade in jenen instabilen Staaten von Vorteil, in denen die übrigen politischen Akteure ohnmächtig erscheinen, wie in Mali.

Es gibt Ausnahmen von den Wellen anfänglicher Sympathie, die Militärmachthaber stützen; im Sudan etwa stemmt sich eine ebenso tapfere wie aussichtslose demokratische Bewegung gegen das herrschende Militär. Kompliziert wird die Lage aber dadurch, dass die Armee ihr Machtmonopol nicht halten kann, es gibt noch andere bewaffnete Akteure, mindestens so brutal wie die regulären Streitkräfte. Jeder Coup birgt eine gewisse Gefahr, dass sich die Generäle zerstreiten und spalten. Manchmal folgt deshalb ein Putsch auf den nächsten, manchmal münden Coups in bürgerkriegsähnliche Zustände wie jetzt im Sudan.

Mit massiven Strafaktionen müssen Putschisten selten rechnen. Nicht einmal die Interventionsdrohung der Westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft Ecowas hat besonderen Eindruck auf die Anführer des Coups in Niger gemacht. Die Afrikanische Union kann Mitglieder suspendieren, aber das allein reicht kaum aus, um eine Putschregierung in die Knie zu zwingen.

Dass westliche Mächte militärisch intervenieren könnten, ist kein wahrscheinliches Szenario. Industriestaaten werden zu einem solchen Eingriff kaum zusammenfinden, nach den desaströsen Erfahrungen in Afghanistan. Nicht einmal das tausendfache Morden im Sudan, das immense Not hervorruft, dürfte die Bereitschaft steigern, militärisch zu intervenieren. Die Welt ist abgelenkt durch den Krieg in der Ukraine. Afrikas Putschisten spielt das in die Hände.

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