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Myanmar:Tod einer 19-Jährigen bringt Generäle in Bedrängnis

March 4, 2021, Mandalay, Myanmar: People are seen following the hearse carrying the coffin of Ma Kyal Sin on the street.

Trauerzug für die Studentin Kyal Sin

(Foto: imago images/ZUMA Wire)

Die Junta leugnet, für den Tod der Demonstrantin verantwortlich zu sein, und heizt die Proteste in Myanmar damit weiter an. Berichte über Folter weiten sich aus.

Von Arne Perras

Nicht einmal die Toten dürfen jetzt ruhen in Myanmar, zumindest gilt dies für Kyal Sin, eine 19 Jahre alte Studentin, die am Mittwoch in der Stadt Mandalay von einer Kugel im Kopf getroffen wurde. Die Junta ließ sie nun wieder aus dem Grab holen, um eine Obduktion der Leiche vorzunehmen. Demonstranten sahen darin den Versuch der Generäle, sich von jeder Schuld an ihrem Tod loszusprechen. "Sie konstruieren erneut einen Schwindel", schrieb eine Facebook-Nutzerin, im Netz machte sich Frust und Empörung breit.

Hunderte Protestierende hatten Kyal Sin am Donnerstag singend und weinend zu Grabe getragen. Kyal Sin, genannt Angel, zählt zu den mehr als 50 Todesopfern seit dem Putsch des Militärs am 1. Februar. Als die Frau demonstrierte, trug sie ein T-Shirt mit einem Spruch: "Everything will be ok". Alles wird gut. Sie hatte sich mit diesem Satz Zuversicht auf den Leib geschrieben, sie war eine junge lebensfrohe Frau, die sich die Zukunft nicht stehlen lassen wollte von ein paar machtgierigen Putschisten. Doch dann raubte ihr eine Kugel genau diese Zukunft, um die sie mit friedlichen Mitteln stritt. Kein Wunder, dass ihr Bild nun tausendfach geteilt wird in den sozialen Medien.

Angel, 19, also known as Kyal Sin appears on a social media picture

Kyal Sin, auch genannt Angel, war Anfang der Woche bei Protesten getötet worden.

(Foto: INSTAGRAM/@ JIA_XI_5201314/REUTERS)

Das Staatsfernsehen widmete dem Fall am Wochenende einen Platz in den Nachrichten. Polizisten, Ärzte und ein Richter hätten eine Exhumierung vorgenommen, hieß es im Sender MRTV. Dabei sei herausgekommen, dass der Metallkörper im Kopf nicht einer Polizeikugel entspreche. Außerdem sei das Projektil hinten am Kopf eingetreten, während die Polizisten den Demonstranten direkt gegenübergestanden hätten. "Deshalb kann daraus geschlossen werden, dass jene, die keine Stabilität wollen, diese Hinrichtung vornahmen."

A grave of 19-year-old protester, Kyal Sin, is pictured in Mandalay

Das Grab der Studentin Kyal Sin. Die Junta ließ es öffnen, um den Leichnam zu obduzieren.

(Foto: HTUN AUNG KYAW/REUTERS)

Mit ihrem offenkundigen Versuch, die Verantwortung für die Tat auf obskure Täter im Hinterhalt zu lenken, provozierte die Junta noch mehr Empörung. Das Schicksal von Kyal Sin hatte sich schon wenige Stunden nach ihrem Tod zu einem der mächtigsten Symbole des Widerstandes entwickelt. Die Junta wollte dem entgegenwirken, doch mit ihrem Vorgehen am Grab hat sie nur das Gegenteil erreicht. Der Akt der Exhumierung wird von vielen als brutales Sakrileg und als gezielte Verdrehung der Wahrheit wahrgenommen. Das treibt die Menschen nun erst recht auf die Straßen. Bei Protesten in der Stadt Mandalay riefen die Leute am Sonntag: "MRTV lügt".

Der UN-Sicherheitsrat hätte die Putschisten in die Schranken weisen können

Gleichzeitig sind viele ernüchtert von den Nachrichten aus New York, wo am Freitag der UN-Sicherheitsrat hinter verschlossenen Türen über die Krise in Myanmar beraten hatte - und kein Ergebnis erzielte. Nicht einmal auf eine Erklärung konnten sich die Mitglieder des Sicherheitsrates einigen, geschweige denn auf eine Resolution, die harte Schritte androht, um die Junta in die Schranken zu weisen.

"Mit wie viel mehr wollen wir das myanmarische Militär noch davonkommen lassen", hatte die UN-Sonderbeauftragte Christine Schraner Burgener in die Runde gefragt, wie die Nachrichtenagentur Reuters unter Berufung auf eine schriftliche Kopie ihrer Ausführungen berichtete. Wenige Tage nach dem Putsch hatte UN-Generalsekretär António Guterres noch davon gesprochen, wie entscheidend es sei, "den Putsch rückgängig zu machen". Doch ist fraglich, ob ohne einen weitreichenden Beschluss des UN-Sicherheitsrates überhaupt genügend Druck auf die Generäle ausgeübt werden kann. Es gibt keinerlei Anzeichen dafür, dass sie von ihrem Kurs, die Proteste mit Gewalt zu ersticken, abrücken wollen.

Als Schlüsselstaat für mögliche Fortschritte gilt die Veto-Macht China. Ähnlich wie Russland will Peking bislang keine Sanktionen mittragen oder ein umfassendes Waffenembargo beschließen. In Zeiten der früheren Junta-Regierungen, die Myanmar ein halbes Jahrhundert lang beherrschten und in die internationale Isolation trieben, agierte der Staat China stets als überlebenswichtiger Pate und sicherte sich auf diesem Weg wichtige Rohstoffe aus dem Land.

Pekings UN-Botschafter Zhang Jun gab sich nach der Sitzung in New York zurückhaltend. Zwar sagte er: "Wir wollen keine Instabilität in Myanmar, schon gar kein Chaos." Allerdings blieb China bislang eine Antwort schuldig, wie dies vermieden werden könnte, angesichts der zunehmenden Brutalität, mit der die Armee gegen die Demonstranten vorgeht. China meidet es konsequent, die Junta als Aggressor zu benennen. "Alle Seiten sollten äußerste Zurückhaltung üben", erklärte Zhang Jun, womit wohl auch gemeint war, dass die Demonstranten ihre Proteste einstellen sollten.

Am Wochenende weiteten sich Berichte über Folterungen im Land aus, die Online-Plattform Irrawaddy meldete etwa den Tod des Politiker Khin Maung Latt, der zur Partei NLD von Aung San Suu Kyi gehört. Er soll in Haft misshandelt und wenige Stunden nach der Festnahme gestorben sein. Ein gepostetes Video aus Mandalay zeigt, wie Polizisten Menschen durch einen Wassergraben jagen und dann brutal mit Knüppeln auf sie einschlagen. Eine unabhängige Quelle in Yangon stufte das Material gegenüber der Süddeutschen Zeitung als authentisch ein. Gefilmt wurden die Szenen aus dem Inneren eines Hauses heraus, wo Frauen schreien und weinen und nichts tun können gegen die Gewalt, mit der die Polizisten wüten.

In der größten Stadt Yangon nahm das Militär am Sonntagabend zahlreiche Razzien vor, wie dpa berichtete. Schüsse wurden demnach aus mehreren Gegenden der früheren Hauptstadt gemeldet, Sicherheitskräfte rückten unter anderem vor Krankenhäusern und Universitäten an. Unverifizierte, aber übereinstimmende Videos in sozialen Medien zeigten Einsatzkräfte, Knallgeräusche und Mündungsfeuer etwa um das Krankenhaus Yangon General Hospital, es wurde von sehr schwer verwundeten Menschen berichtet.

© SZ/areu
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