Angriff auf Hafen von Odessa:Putin führt die Weltgemeinschaft vor

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Angriff auf Hafen von Odessa: Feuerwehrleute im Hafen von Odessa, kurz nachdem am Samstag eine Rakete dort einschlug.

Feuerwehrleute im Hafen von Odessa, kurz nachdem am Samstag eine Rakete dort einschlug.

(Foto: Ukrainische Streitkräfte/Reuters)

Mit dem Abkommen, den Export von 20 Millionen Tonnen ukrainischem Getreide zuzulassen, tat der Kreml für einen Moment so, als sei er ein seriöser Verhandlungspartner. Doch selbst notorische Optimisten wussten: Dieser Deal würde nicht lange halten. Denn er ist nicht in Moskaus Interesse.

Kommentar von Cathrin Kahlweit

Nicht einmal einen Tag wurde der Deal alt, den Moskau und Kiew, mit der Türkei als Vermittlerin und den Vereinten Nationen als Oberaufsicht, geschlossen hatten. Weil beide Seiten nicht offiziell miteinander reden, war das Abkommen über Bande zustande gekommen; absichern sollte es den Export von ukrainischem Getreide über das Schwarze Meer.

Für die Ukraine war die elaborierte Vereinbarung mit ihren vielen Kontrollebenen und eingebauten Vorsichtsmaßnahmen lebenswichtig: Sie muss ihre Silos für die neue Ernte frei- und eines ihrer wichtigsten Exportgüter außer Landes kriegen. Sie muss aber auch verhindern, dass russische Truppen Odessa einnehmen. Und: Die Welthungerkrise, die durch den russischen Angriffskrieg massiv verstärkt wurde, würde dadurch zumindest gemildert.

Der Kreml wiederum konnte kurz mal so tun, als sei er nach wie vor ein seriöser Verhandlungspartner, mit dem man sachlich reden kann - und als sei man in Moskau ernsthaft besorgt über den Hunger auf der Welt. Daran, dass die Russen weiterhin in atemberaubendem Ausmaß Getreide aus den besetzten Gebieten stehlen, hätte das Abkommen ohnehin nichts geändert.

Aber selbst notorische Optimisten wussten: Der Deal würde nicht lange halten. Denn er ist nicht in Moskaus Interesse. Der Beschuss von Odessa am Samstag war der kalkulierte Beweis dafür, dass Wladimir Putin die Weltgemeinschaft vorführt - und die öffentliche Meinung manipuliert. In Moskau weiß man, dass die Ukraine diese Vereinbarung dringend braucht. Aber ein paar Raketen auf Odessa, die der Kreml nach anfänglichem Leugnen doch noch einräumt, reichen, um die Ukrainer in maximale Verunsicherung zu stürzen, den Westen zu empören, die UN zu blamieren, Erdoğan auf Abstand zu halten und womöglich weitere Sanktionserleichterungen zu erpressen. Derweil wird mit der von Verteidigungsminister Schojgu in Istanbul unterschriebenen Erklärung gewedelt, als säßen in Moskau besorgte Gutmenschen. Dabei sind es Kriegsverbrecher.

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