Russland Schlechte Nachrichten aus Istanbul

Und war Moskau davon ausgegangen, die Ukraine wenigstens in Glaubensfragen weiterhin dominieren zu können, so musste Russlands Staatsführung auch in dieser Angelegenheit einen empfindlichen Rückschlag hinnehmen. Denn im Herbst erteilte der oberste Religionsführer der orthodoxen Kirche, Patriarch Bartholomeios von Konstantinopel mit Sitz in Istanbul, der ukrainisch-orthodoxen Kirche die Erlaubnis, eine eigene Staatskirche zu gründen. Damit schwindet der Einfluss, den der kreml-nahe Patriarch Kirill der russisch-orthodoxen Kirche in der Ukraine bislang hatte. Langfristig könnte er die Zuständigkeit für ein Drittel seiner bisherigen Gemeinden verlieren.

Es rumpelt also im russischen Regierungsgetriebe, das Putin und seine Getreuen schon seit so vielen Jahren auf möglichst großen Leichtlauf trimmen wollen. Welche Schlüsse sie daraus ziehen, ist schwer einzuschätzen.

Als die Menschen 2011 und 2012 in Moskau und St. Petersburg in Scharen gegen Putins dritte Amtszeit protestierten, folgte die Annexion der Krim, die die Popularität des Präsidenten bei Russlands Wählern deutlich steigerte. Es wird dem Kreml unterstellt, dass er damals den Konflikt mit der Ukraine auch eskalierte, um Punkte bei der eigenen Bevölkerung zu machen.

Politik Russland Das Kreml-Kollektiv
Putins Machtzirkel

Das Kreml-Kollektiv

Der "Darth Vader" Russlands, alte Bekannte aus Sankt Petersburg und ein brutaler Provinzfürst: Seit 18 Jahren trifft Putin in Russland am Ende jede wichtige Entscheidung selbst - sein Machtzirkel ist dennoch von immenser Bedeutung. Eine Übersicht über die wichtigsten Figuren.   Von Paul Katzenberger

Doch eine ähnliche Konstellation bietet sich im Augenblick kaum an. Die Auseinandersetzung mit der Ukraine lässt sich kaum noch zuspitzen, ohne dass sie zu einem offenen Krieg zwischen beiden Länder wird. Und das ginge mit unkalkulierbaren Risiken für das Verhältnis Russlands zum Westen einher. Es ließen sich zwar neue Zerwürfnisse kreieren, doch der Spielraum dafür ist nicht groß: Ambitionen etwa, Weißrussland zu annektieren, wären mit hohen Kosten und unwägbaren Risiken verbunden: "Der Versuch, Weißrussland komplett mit Russland zu verschmelzen, würde eine neue Krise auslösen", twitterte Dmitrij Trenin, Direktor des Moskauer Carnegie-Büros.

Zumal die innenpolitischen Schwierigkeiten Putins derzeit kleiner erscheinen als zu Beginn seiner dritten Amtszeit. Popularitätseinbußen von zehn Prozentpunkten sind zwar markant, doch noch immer genießt er Zustimmungswerte von 65 Prozent, nach denen sich die meisten Staatsführer nur sehnen können.

Intensivierter Dialog mit dem Westen auf Arbeitsebene

Eher vorstellbar ist daher, dass der Kreml eine leichte Revision seiner Außenpolitik vornimmt. Kaum ein Beobachter erwartet zwar, dass die westlichen Sanktionen Russland dazu bewegen werden, die Krim an die Ukraine zurückzugeben, oder das militärische Engagement im Donbass oder in Syrien zurückzufahren. Doch während diese unlösbar erscheinenden Konflikte die Berichterstattung dominierten, ist der Dialog zwischen Washington und Moskau zumindest auf Arbeitsebene etwas besser in Gang gekommen als allgemein wahrgenommen: Putin und US-Präsident Donald Trump trafen sich im Sommer persönlich in Helsinki und sprachen kurz am Rande des G-20-Gipfels in Buenos Aires miteinander. Zum ersten Mal seit mehreren Jahren gab es ein Treffen von Abgeordneten des US-Kongresses und Duma-Abgeordneten. US-Energieminister Rick Perry, der Direktor der US-Weltraumbehörde NASA Jim Brindestine, und der nationale US-Sicherheitsberater John Bolton kamen nach Moskau, um sich mit ihren jeweiligen russischen Kollegen auszutauschen.

Der Moskauer US-Botschafter Jon Huntsman meint, dass das Jahr 2018 tatsächlich einen konstruktiven Dialog zwischen Russland und den USA bei den Themen Terrorismusabwehr, Syrien, Nord-Korea und Afghanistan gebracht hat. Er fordert: "2019 muss es Durchbrüche bei der Lösung dieser Probleme geben. Wenn wir unser gegenseitiges Vertrauen erhöhen wollen, brauchen wir Resultate."

Der Kreml könnte aus dem Fall Skripal zudem die Lehre ziehen, dass solche Aktionen mehr Probleme schaffen, als irgendwelchen Zielen zu dienen. Putin hasst Verräter. Skripal bezeichnete er als "Verräter" und "Dreckskerl". Das Signal, das abtrünnigen Agenten daher womöglich gegeben werden sollte, ist vielleicht sogar angekommen. Doch lohnt es sich deswegen, sich noch mehr mit Ländern wie den USA oder Großbritannien zu überwerfen, die auf solche Aktionen mit wirksamen Vergeltungsmaßnahmen reagieren können? Der britische Sicherheitsexperte Mark Galeotti, der 2015 ein Buch über die russischen Sondereinsatzkommandos (genannt Spetsnaz) geschrieben hat, erwartet, dass sich Russland bei seinen Störaktionen künftig auf Länder in der Peripherie des Westens konzentriert, deren Fähigkeiten sich zu revanchieren begrenzt sind. "Dass es bei den US-Midterm-Wahlen im Oktober kaum russische Manipulationsversuche gegeben hat, deutet darauf hin, dass es zu diesem Lernprozess gekommen ist", sagt Galeotti.

2019 könnte somit das Jahr der kleinen Schritte bei einer möglichen Annäherung zwischen Russland und dem Westen werden. Das wäre mehr als der mehrfach gescheiterte Versuch groß angelegter Friedensinitiativen in den vergangenen Jahren.

Politik Russland Neujahrsgrüße aus Moskau

Russland

Neujahrsgrüße aus Moskau

Putins neue Hyperschall-Rakete trägt nicht eben dazu bei, das angespannte Verhältnis zwischen Russland und den USA zu verbessern. Die Waffe soll Anfang 2019 einsatzbereit sein   Von Matthias Kolb