Russland Ein TV-Auftritt als Lachnummer

In der Sendung, die der Staatssender RT im September ausstrahlte, versuchten sich die zwei mutmaßlichen GRU-Offiziere als harmlose Touristen darzustellen, die lediglich die bekannte Kathedrale von Salisbury hätten anschauen wollen.

"Die Staatspropaganda bekommt zunehmend lächerliche Züge": Die mutmaßlichen Attentäter von Salisbury Ruslan Boschirow (links) und Alexander Petrow bei ihrem ersten öffentlichen Auftritt im Fernsehen.

(Foto: RT channel video/AP)

Doch nur wenige Tage später veröffentlichte das britische Recherchenetzwerk Bellingcat in Zusammenarbeit mit dem russischen Portal The Insider überzeugende Belege dafür, dass es sich bei Boschirow um den GRU-Oberst Anatolij Tschepiga handelt. Auch Alexander Petrow wurde von Bellingcat identifiziert - in Wahrheit soll er ein Geheimdienstmitarbeiter und Militärarzt sein und Alexander Mischkin heißen.

Verdächtige im Fall Skripal

Der Kirchturm war's

Die Skripal-Verdächtigen bezeichnen sich als Touristen. Sie seien nach Salisbury gefahren, um die dortige Kathedrale zu besichtigen.   Von Julian Hans

Unter Druck geriet der GRU zusätzlich, als Anfang Oktober die Regierungen der USA, der Niederlande, Großbritanniens und einer Reihe weiterer Staaten den russischen Militär-Geheimdienstlern Hacker-Angriffe auf Dutzende internationale Organisationen und sensible Infrastruktur vorhielten. Als Angriffsziele nannten sie die Organisation zum Verbot Chemischer Waffen (OPCW) in Den Haag, die Weltantidoping-Agentur Wada in Montreal, die Fifa in Zürich, die Metro in Kiew und den Flughafen der ukrainischen Hafenstadt Odessa.

Besonders pikant waren die Details zur Verhaftung von vier mutmaßlichen GRU-Spionen, die das niederländische Verteidigungsministerium veröffentlichte. Die Männer waren im April in einem Mietwagen festgenommen worden, den sie vor der OPCW-Zentrale in Den Haag geparkt hatten, mit Abhörtechnik und einem Notebook an Bord. Offensichtlich wollten sie den Server der Organisation attackieren.

Kurz danach kursierten im Internet Aufnahmen einer Taxirechnung, die bei einem der mutmaßlichen Agenten gefunden worden war - für die Beförderung von der Moskauer Neswischski-Gasse zum Flughafen Scheremetjowo. In der Gasse befindet sich nach Angaben der Niederländer und russischer Medien eine GRU-Außenstelle.

Unliebsame Überraschungen

Selbst in Russland ergoss sich daraufhin eine Welle der Häme über die eigenen Geheimdienstler: "Den Jungs vom GRU fehlten nur noch Fellmützen, Papirossa-Zigaretten und Fallschirme auf dem Rücken", höhnte der Radiosender Echo Moskwy über die vier aufgeflogenen Cyber-Spione. Den Fernsehauftritt Petrows und Boschirows verglich der Politologe Andrej Kolesnikow vom Moskauer Büro der Carnegie-Stiftung auf dem Online-Portal Gazeta.ru mit der Show zweier Clowns: "Die Menschen lachen über die Obrigkeit", so der Politologe. "Die Staatspropaganda bekommt zunehmend lächerliche Züge und das diskreditiert und schwächt diejenigen, die am Hebel sitzen."

Dass ihr der Fall Skripal so viel Verdruss bereiten würde, hatte Russlands Staatsführung nach der Wahrnehmung vieler Experten nicht erwartet. Doch es war nicht die einzige Fehleinschätzung des Kremls in diesem Jahr: So half es wenig, die unpopuläre Erhöhung des Rentenalters von 55 auf 63 Jahre für Frauen und von 60 auf 65 Jahre für Männer am ersten Tag der Fußball-WM anzukündigen, also genau dann, als davon auszugehen war, dass die Menschen aufgrund der Euphorie über das Sportereignis abgelenkt sind.

Die Bürger Russlands erkannten die einschneidenden Konsequenzen der Maßnahme sofort, die nach Angaben des unabhängigen Meinungsforschungsinstitutes Lewada 90 Prozent von ihnen ablehnen: Ob in Nowowsibirsk, in Jekaterinburg oder in Moskau - im ganzen Land gingen sie zu Tausenden auf die Straße, um gegen die Rentenreform zu protestieren. Putins Zustimmungswerte sanken auf ein Vier-Jahres-Tief - um etwa zehn Prozentpunkte von 75 auf 65 Prozent.

Auch bei den Gouverneurswahlen im September wurde das Präsidialamt mit unliebsamen Überraschungen konfrontiert. Denn nicht mehr alle Wähler, die in 26 Regionen an die Urnen gerufen worden waren, stimmten einfach für den Anwärter des Kremls. Bei vier Abstimmungen setzten sich Gegen-Kandidaten durch, was denjenigen, die in Moskau an den Steuerrädern der "gelenkten Demokratie" Russlands sitzen, immerhin aufzeigte, dass ihre Macht nicht absolut ist.