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Putin und Biden:Streiterei auf dem Hinterhof

Wladimir Putin während einer Videositzung des russischen Sicherheitsrats.

(Foto: Alexei Druzhinin/AP)

Russlands Präsident lässt den "Mörder"-Vorwurf seines US-Kollegen demonstrativ an sich abperlen. Den Gegenangriff übernehmen andere.

Von Silke Bigalke, Moskau

Wladimir Putin war bester Laune, als er am Donnerstag dieses kurze Interview gab. Der russische Präsident hatte zuvor in einem vollbesetzten Moskauer Stadion auf der Bühne gestanden, umgeben von Fans. Sie waren gekommen, um den Jahrestag der Krim-Annexion zu feiern - der Kreml nennt sie eine "Wiedervereinigung".

Nach seinem Auftritt fing ein Journalist den Präsidenten ab: Ob Putin weiterhin bereit sei, mit Joe Biden zusammenzuarbeiten? Am Tag zuvor hatte der amerikanische Präsident öffentlich zu verstehen gegeben, dass er Putin für einen Killer halte.

"Ich möchte Biden einladen", sagt Putin in die Kamera, er wirkte sichtlich beschwingt. Er wolle Biden einladen, "unsere Diskussion fortzusetzen, aber unter der Bedingung, dass wir das tatsächlich live tun, wie man so sagt online. Ohne Verzögerung, eine direkte, offene Diskussion". Diese wäre sicher interessant für Russen ebenso wie für die Amerikaner, sagte Putin.

Er schob dann noch hinterher, dass das Gespräch gleich am nächsten Tag oder am kommenden Montag stattfinden könne. Denn am Wochenende fahre er in die Taiga, "um ein bisschen zu entspannen". Offenbar war die Einladung nicht ganz ernst gemeint. Putin hatte schon zuvor eher süffisant auf Bidens Killer-Kommentar reagiert. Direkte Gegenangriffe überließ er anderen.

Obamas Bemerkung schmerzte wohl mehr

Ob es Russlands Präsidenten überhaupt stört, Mörder genannt zu werden, lässt sich schwer sagen. Politisch schaden wird es ihm kaum. Gefürchtet zu werden gehört zu Putins Strategie, seine Macht zu erhalten. Eine andere Anmerkung eines früheren US-Präsidenten dürfte ihn daher viel mehr getroffen haben: Barack Obama nannte Russland 2014 eine "Regionalmacht", Putin hatte da gerade die Krim annektiert.

Aus Obamas Perspektive sei Russland ein "absolut unwichtiges Land" gewesen, schreibt der Historiker Sergej Radtschenko in seinem Kommentar für die Nachrichtenseite Meduza. Obwohl Putin nach Bidens Interview beleidigt sein dürfe, so erscheine er der Welt doch "als Anführer einer Großmacht - über den Biden nun so schlecht spricht". Denn wenn schlecht über Putin gesprochen werde, verleihe ihm das auch eine Art Größe. "Die Legitimation des russischen Regimes und dass Amerika Russland anerkennt - das sind zwei miteinander verbundene Konzepte."

Bidens Kommentar eröffnet Putin jedenfalls Möglichkeiten. Erstens konnte er sich dem russischen Publikum als moralisch überlegen präsentieren, zweitens Biden schwach aussehen lassen. Schon vor dem Stadion-Auftritt hatte er in einer Video-Konferenz mit Krim-Vertretern erklärt, er wünsche Biden Gesundheit und sage dies "ohne Ironie, ohne Witze". In russischen Medien ist bereits gerätselt worden, ob man das als Drohung verstehen darf. Sicher aber war es eine Anspielung auf Bidens Alter. Dieses nutzten auch viele von Putins Getreuen, um den US-Präsidenten zumindest als verwirrt darzustellen.

Wjatscheslaw Wolodin, Vorsitzender der Staatsduma, nannte Bidens Aussage "jenseits des gesunden Verstandes". Der Präsident eines Landes, das sich als "Träger demokratischer Prinzipien und Moral" betrachte, "kann sich so nicht benehmen". Andrej Turtschak, erste Vize-Chef des Föderationsrates, sprach von "politischem Wahnsinn der Vereinigten Staaten" und von der "altersbedingten Demenz ihres Anführers". Dmitrij Medwedew, früher selbst Russlands Präsident, sagte, er werde Doktor Freud zitieren: "Nichts kostet im Leben so viel wie Krankheit und Dummheit."

Wer Putin nicht hilft, gälte als Verrräter

Die heftigen Reaktionen aus Moskaus politischer Elite erklärte Politikberater Alexej Tschesnakow auf Telegram auch damit, dass Kompromisse in diesem Fall nicht möglich seien, Halbtöne gefährlich. Wer Putin nach Bidens Kommentar nicht öffentlich unterstütze, "riskiert, früher oder später selbst zu den Verrätern gezählt zu werden". Auch Kremlsprecher Dmitrij Peskow hatte Bidens Aussage zuvor "sehr schlimm" genannt. Es sei nun klar, dass der US-Präsident kein Interesse daran habe, die Beziehungen beider Länder zu verbessern. Der russische Botschafter in Washington wurde für Beratungen nach Moskau zurückbestellt. Man müsse nun den Zustand der Beziehungen zu den USA analysieren, hieß es.

Putin selbst tat dabei so, als wäre dies alles nur eine dumme Hinterhofstreiterei. Wenn sie früher als Kinder auf dem Hof aneinandergeraten seien, so der Präsident, hätten sie immer gesagt: "Wer anderen Namen gibt, heißt selbst so." Übersetzt bedeutet das wohl, man soll nicht von sich auf andere schließen. Oder vielleicht auch einfach: Selber Mörder!

Welche politischen Folgen der Schlagabtausch haben könnte, darüber wird noch gestritten. Moskau werde seine Beziehungen zu den USA wahrscheinlich gründlich überprüfen und überarbeiten, schreibt etwa Dmitrij Trenin vom Moskauer Carnegie Zentrum auf Twitter. Womöglich sei Moskau zu der Schlussfolgerung gekommen, dass mit dieser US-Regierung "nichts Nützliches" zu erreichen sei, außer einen versehentlichen militärischen Zusammenstoß zu vermeiden.

Außenpolitikexperte Wladimir Frolow schreibt, dass Bidens Aussage keine "strengen neuen Anti-Russland-Maßnahmen" andeute, auch wenn sie "extrem unangenehm" sei. Er wertet sie auch als ein Signal an die Staatschefs der Nato und G7, ihre "persönlichen Kontakte" mit Putin zu minimieren. Russland selbst werde zunächst mit einer "zurückhaltenden außenpolitischen Antwort" reagieren, weil es die Hoffnung auf einen stabilen Dialog zumindest über Rüstungskontrolle noch nicht aufgegeben habe.

Auf Putins Vorschlag ist Biden nicht eingegangen. Der amerikanische Präsident werde Putin treffen, "wenn die Zeit dafür richtig ist", erklärte das Präsidialamt in Washington. Kremlsprecher Peskow wiederholte die Einladung zum Live-Gespräch am Freitag: "Da die Worte von Präsident Biden beispiellos waren, können hier beispiellose Kommunikationsformate nicht ausgeschlossen werden."

© SZ/kit
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