Russland und die "Pussy Riots":Solidarität im Ausland, Kopfschütteln in der Provinz

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Die Anklageschrift basierte zum Teil auf einer Synodalerklärung aus dem siebten Jahrhundert, die das Tanzen in der Kirche verbietet. Von der "Herabwürdigung jahrhundertealter Grundlagen der russisch-orthodoxen Kirche" war die Rede und vom "Verlust heiliger christlicher Werte", gerade so, als hätten nicht Juristen die Anklage verfasst, sondern Kleriker. Entsprechende Straftatbestände kennt das russische Strafrecht nicht.

In den Aussageprotokollen der Nebenkläger wiederholten sich Sätze bis hin zu den Rechtschreibfehlern - weshalb die Verteidiger den Verdacht äußerten, sie seien im Copy-Paste-Verfahren entstanden. Ein Rottweiler der Justizbeamten, der mit hängender Zunge das Geschehen verfolgte, war die passende Requisite.

Das Ansehen Russlands in der Welt wird dauerhaft unter diesem Spektakel leiden. Eines allerdings ist den Strategen des Kremls bestens geglückt - und Madonna und die vielen anderen, die auf der ganzen Welt mit Videos und Solidaritäts-Happenings in guter Absicht auf den Fall aufmerksam gemacht haben, haben ohne es zu wollen dabei mitgeholfen: Pussy Riot wird von nun an als das Gesicht der russischen Opposition wahrgenommen.

Fast jeder zweite Russe hält das Verfahren für gerecht

Im liberalen Westen ist das kein Problem. Die meisten Menschen in Russland aber - selbst diejenigen, die der Machtelite gegenüber kritisch eingestellt sind - können sich nur schwer mit einer Gruppe linker Punks identifizieren, die in bunten Masken vor der Ikonenwand einer Kirche herumturnen.

In der russischen Provinz kann kaum jemand etwas mit dem postmodernen Zitatenschatz anfangen, mit dem die jungen Frauen ihre Aktionen unterfütterten. In einer Umfrage erklärte fast jeder zweite Russe, das Verfahren sei in seinen Augen "objektiv und gerecht"

Diese Entfremdung, so das Kalkül des Kreml, wird sich auch auf das Verhältnis des Volkes zur Oppositionsbewegung auswirken und die alle Lager übergreifende Solidarität untergraben, die die Menschen im Winter zu Hunderttausenden gegen die Staatsmacht auf die Straße gebracht haben.

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