Psychotherapie Spahn auf Sendung

Der Gesundheitsminister stellt sich in Berlin zornigen Psychotherapeuten. Sie kritisieren, wie er Patienten auf Praxen verteilen will.

Von Kristiana Ludwig, Berlin

Wenn es um die Kunst der heilsamen Kommunikation geht, macht dem Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) so schnell keiner etwas vor. Schon gar nicht eine aufgebrachte Psychotherapeutin mit einer Unterschriftenliste. Es ist Montagmittag, Spahn sitzt im kreisrunden Sitzungssaal des Petitionsausschusses und legt beide Hände an die Brust. "Manchmal ist das Senden und das Empfangen ja unterschiedlich", erklärt er den hier anwesenden Psychologieinteressierten. Die Botschaft, die ein Mensch überbringen will, bekomme dann im Ohr des Gegenübers einen ganz anderen Klang. "Das sage ich auch selbstkritisch. Da müssen wir besser werden, ich im Zweifel im Senden."

Tatsächlich ist die Botschaft, die Spahn im vergangenen Herbst in einen Gesetzesentwurf schrieb, bei mehr als 200 000 Bürgern ziemlich schlecht angekommen. So viele unterzeichneten eine Petition gegen den Passus, dass künftig bestimmte "Vertragsärzte und psychologische Psychotherapeuten" für die "Behandlungssteuerung" von psychisch kranken Patienten verantwortlich sein sollen. In den Ohren der Therapeuten und vieler ihrer Patienten klang das so: Vor dem Antritt einer Therapie steht künftig eine Art Gutachter, der entscheidet, welcher Patient wie dringend Hilfe braucht, also, wer sofort zum Therapeuten geht und wer nicht. "Das ist eine Diskriminierung psychisch kranker Menschen und ein erster Schritt zur Abschaffung der freien Arztwahl", sagte Ariadne Sartorius aus dem Bundesverband der Vertragspsychotherapeuten. Und: "Das werden wir nicht hinnehmen."

Die Petition gegen so eine Vorinstanz, die Sartorius im Namen mehrerer Berufsverbände gestartet hatte, wuchs bis Mitte Dezember zu einer der längsten Unterschriftenlisten, die dem Bundestag je vorlagen. Auch deshalb besucht Spahn an diesem Montag den Petitionsausschuss. Es ist ein ungewöhnlicher Schritt für einen Bundesminister. Spahn sagt, seit dem Start der Petition sei im Internet und in Whatsapp-Gruppen viel über ihn geschimpft worden. Dabei sollten die Therapeuten ihm auch mal zuhören. Von einem "Gutachter" habe er zum Beispiel nie gesprochen. Heute versucht er es nun mit dem Wort "Lotse". Sein Ton ist versöhnlich. Es sei doch allen Beteiligten daran gelegen, dass Patienten mit schweren psychischen Erkrankungen schneller eine Therapie bekommen: "Es gibt immer noch sehr lange Wartezeiten", sagt er. Da kann ihm wohl niemand widersprechen.

Auch Sartorius, die in ihrer Frankfurter Praxis für Psychotherapie Kinder und Jugendliche behandelt, versucht es erst einmal mit warmen Worten über die von ihr initiierte Aktion. "Gut ist, dass dadurch eine intensive Diskussion über die Versorgung psychisch kranker Menschen angestoßen wurde", sagt sie. Gegen Debatten sollte schließlich auch Spahn nichts einzuwenden haben.

Für die Diskussion mit den Politikern hat sich Sartorius die ganze Woche frei genommen. Am Mittwoch wird sie auch den Gesundheitsausschuss des Bundestags besuchen, am Donnerstag dann noch einmal Spahns Gesundheitsministerium. SPD und Opposition hatten bereits im Dezember angekündigt, dessen Idee nicht einfach durchzuwinken. "Das vorgeschlagene Konzept liegt ganz und gar nicht im Interesse einer niedrigschwelligen Versorgung, sondern darin, den Zugang zu steuern und die Hürden zu erhöhen", sagt die gesundheitspolitische Sprecherin der Grünen, Maria Klein-Schmeink.

Die Verbände der Psychotherapeuten fordern deshalb, dass mehr Therapeuten für die Betreuung von Kassenpatienten zugelassen werden sollten. Spahn sieht das jedoch kritisch: "Da, wo besonders viel Angebot ist, scheint auch besonders viel Nachfrage zu sein". Zusätzliche Psychotherapeuten würden das Problem gar nicht lösen, sagt er. Die Patienten müssten stattdessen besser verteilt werden. Er blickt hinüber zu Ariadne Sartorius. Ein Stufensystem, das schwere von leichten Fälle unterscheidet - das müsste doch auch sie sinnvoll finden. Doch Sartorius widerspricht: Spahn wolle nicht die Patienten einstufen, sagt sie. Sondern ihren Therapeuten die Entscheidung über ihre Behandlung abnehmen.