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Psychologie von Pegida:Die Protestierenden entziehen sich der Realität

Die externalisierte Angst entlastet die Seele. Das Objekt der Angst ist nun benenn- und bekämpfbar, selbst wenn es im Imaginären situiert ist. Vermittels des imaginären Feindes erlangen Menschen wieder den Zutritt ins System. Über das Imaginäre finden sie ins System zurück, von dem sie sich abgehängt fühlen. Der Ausschluss des imaginären Fremden befreit sie von dem Gefühl, nicht dazuzugehören. Er erzwingt das Gefühl der Zugehörigkeit ins System.

Auffallend für die Beteiligten ist, dass sie schweigend marschieren. Sie formulieren keine Ziele, stellen keine konkreten Forderungen auf. Sie weigern sich zu reden. Der Grund ist offenbar: Sie wollen sich nicht aus dem imaginären Raum hinausdrängen lassen.

Es ist nicht leicht, den Islam als Feind aufzubauen, wenn die Realität stark dagegenspricht

Hier hilft es wenig zu versuchen, sie auf die Realität zurückzubringen und sie darauf hinzuweisen, dass es in Dresden kaum Muslime gebe, dass von der Islamisierung nicht die Rede sein könne. Sie entziehen sich der Realität, um ihren imaginären Raum zu schützen, der für sie befreiend wirkt. Sie werden daher jeden Versuch, sie auf den Boden der Realität zurückzubringen, aggressiv abwehren. Hier liegt eine Verneinung vor, zu der nur eine Psychoanalyse Zugang hätte.

Die Protestierenden externalisieren ihre Angst, indem sie sie auf den imaginären Feind beziehen. Hier ist wieder die Logik des Sündenbocks am Werk. Früher waren es die Juden, nun sind es die Muslime. Die Geschichte wiederholt sich. Die Politiker schauen nur zu und begnügen sich mit Ferndiagnosen. Oder sie schüren die Angst, um politisch daraus Kapital zu schlagen.

Germany Arrive At Berlin Fan Mile

Realität: Zwei Musliminnen als Deutschland-Fans in Berlin während der Fußball-Weltmeisterschaft. Doch wo keine Realität ist, blüht das Imaginäre.

(Foto: Sean Gallup/Bongarts/Getty Images)

Eigentlich sollten sie froh sein, dass die Wut der Protestierenden sich nicht gegen sie, sondern gegen den imaginären Feind richtet. Pegida ist das Zerrbild einer Gesellschaft, in der die Politik versagt hat. Menschen begeben sich ins Imaginäre, um sich das Gefühl zu verschaffen, wieder in die Gesellschaft zu gehören.

Wenn Angela Merkel nur noch von der "Hetze" gegen Ausländer spricht, hat sie nichts begriffen. Das eigentliche Problem ist nicht die Fremdenfeindlichkeit, sondern die wachsende Unsicherheit und Angst in der Bevölkerung. Besorgniserregend ist auch das Verschwinden des Vertrauens in der Gesellschaft. Und viele haben das Gefühl, nicht mehr dazuzugehören.

Pegida Gefährliche Mixtur aus Angst, Zorn und Vorurteil
Kommentar
Pegida & Co

Gefährliche Mixtur aus Angst, Zorn und Vorurteil

Kernphysiker können die kritische Masse genau definieren. Doch was braucht es, um eine politische Kettenreaktion auszulösen? Politik und Gesellschaft müssen Ressentiments bekämpfen, von denen rechte Bewegungen wie Pegida leben - solange es noch geht.   Kommentar von Jan Bielicki

Wenn man diesen Ängsten nicht politisch beikommt, brechen sie Bahn durch das Imaginäre. Gerade in diesem imaginären Raum blüht der Fremdenhass. Pegida bedeutet vor allem das Versagen der Politik. Angela Merkel verdeckt es, wenn sie nur vor Fremdenfeindlichkeit warnt.

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