bedeckt München

Psychologie:Einatmen, ausatmen, abstimmen

Viele Politiker setzen auf Achtsamkeits­meditation.

Von Sebastian Herrmann

Die Politik setzt auf Achtsamkeitsmeditation. Jawohl, richtig gehört, Achtsamkeit. Da möchte man erst mal einatmen, ausatmen und sich ein bisschen zusammenreißen, um dieser Nachricht wertfrei nachspüren zu können. Bilder meditierender Abgeordneter und achtsamer Ministerinnen passen schließlich nicht sehr gut in diese hitzigen Zeiten, die von Schreihälsen und Spaltpilzen dominiert werden. Doch der Hype um die achtsame Innerlichkeit macht auch vor Parlamenten nicht Halt. Im britischen Unterhaus wird seit 2013 über Parteigrenzen hinweg ohne Fraktionszwang gemeinsam meditiert. Und auch in Schweden, den Niederlanden, in Frankreich und sogar im notorisch zerstrittenen US-Kongress haben Abgeordnete in den vergangenen Jahren Achtsamkeitsinitiativen gestartet.

"Unsere Gesellschaften sind von Wut und Angst getrieben", sagt etwa der US-Demokrat Tim Ryan aus Ohio, der große Hoffnungen in die Meditation legt. Diese sei ein probates Mittel, um Gräben zuzuschütten und gemeinsam eine strahlende Zukunft zu bauen, betont der achtsame Abgeordnete laut einem Beitrag des britischen Psychologen Jamie Bristow im Fachjournal Current Opinion in Psychology. Wenn es denn der politischen Verständigung dient, möchte man da seufzen, dann möge in den Plenarsälen und Ministerien der Welt meditiert werden.

Aber funktioniert das auch? Diese Frage lässt sich so einfach nicht beantworten. Bisher fehlten Belege dafür, dass derlei politische Achtsamkeitsinterventionen die gewünschte Wirkung erzielen, sagen Michael Bang Petersen und Panagiotis Mitkidis von der dänischen Universität Aarhus. Für eine aktuelle Studie haben die beiden Wissenschaftler untersucht, ob Meditation Toleranz für politische Gegner erhöht und man diesen dann trotz größter Vorbehalte eher Grundrechte wie etwa Meinungsfreiheit zugesteht.

Die Idee klingt zunächst plausibel: Es ist bekannt, dass Achtsamkeitsmeditation die emotionale Selbstregulation fördert. Statt auf Äußerungen politischer Gegner also mit heftiger Wut zu reagieren, könnten die Übungen die ersten Affekte dämpfen und eine besonnene Reaktion erleichtern. Doch dafür fanden Petersen und Mitkidis keine Hinweise, die Übungen verfehlten offenbar diese Wirkung. Auch jenseits von Meditation ergab die Studie keine Indizien für einen versöhnenden Effekt der Achtsamkeit: Selbst entsprechende Persönlichkeitsmerkmale gingen nicht mit erhöhter Gelassenheit gegenüber politischen Gegnern einher.

Kann die Achtsamkeit also zu den politischen Akten gelegt werden? "Die Studie ist höchstens ein erster Schritt und lässt sehr viele Fragen offen", sagt der Psychologe Simon Schindler, der an der Universität Kassel zu Achtsamkeit forscht. Selbst wenn es keine Belege für eine toleranzförderliche Wirkung gebe, dürfe in der Politik meditiert werden. "Es schadet laut den Befunden der Studie auch nicht", sagt Schindler. Lord Alan Howarth, Mitglied des britischen Oberhauses, schwärmte zumindest einmal über die parlamentarischen Achtsamkeitssitzungen: Diese seien "Oasen des Vertrauens und der Freundschaft". Ob dahinter nun die Meditation oder das Gruppenerlebnis steckt? Das ist doch egal.

© SZ vom 18.12.2019

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite