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Psychiatrie:Empörung über geplante Regeln

Wie viel Mediziner und Pfleger sollen auf einer psychiatrischen Station arbeiten? Die Vorgaben dafür sind veraltet und müssen dringend überarbeitet werden. Doch die neuen Pläne empören Ärzte und Kranke erst recht.

Dass sich Ärzte und Patienten einig sind, ist gerade in der Psychiatrie nicht selbstverständlich. Umso bezeichnender ist die Geschlossenheit, mit der Ärzte- und Therapeutenverbände derzeit gemeinsam mit Patientenvereinigungen und Initiativen von Angehörigen psychisch Kranker Sturm gegen eine Richtlinie laufen, die neu regeln soll, wie viel Personal pro Patient auf den Stationen vorgesehen ist. Die Richtlinie wurde vom Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) erarbeitet, dem höchsten Gremium der Selbstverwaltung im Gesundheitswesen. Sie soll die seit 30 Jahren gültigen und völlig veralteten Vorgaben ersetzen. In diesen Tagen prüft das Gesundheitsministerium die Richtlinie - und nickt sie, so fürchten es Vertreter von Ärzten und Patienten, wohl auch ab.

Die Richtlinie würde "die Behandlungsqualität gefährden" und die Versorgung der Patienten dazu, heißt es in einem Schreiben der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) an das Ministerium. Sie passe "nicht zu einer modernen Art, Psychiatrie zu betreiben", beklagt Thomas Pollmächer vom Vorstand der DGPPN. Vielmehr würden alte Strukturen in den Kliniken zementiert und ein flexibles Eingehen auf die Bedürfnisse der Patienten erschwert.

"Das ist kein Papier zur Modernisierung", beklagt auch Michael Kölch, Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Ein Mehr an Zeit sei kaum vorgesehen, dabei sei eine patientenorientierte Behandlung aufwendiger als die antiquierte Psychiatrie, die mehr Medikamente und weniger Psychotherapie einsetzte. Noch dazu werde künftig eine ausufernde Dokumentation des Personals auf den Stationen verlangt. Die Vorsitzende des Bundesverbands der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen, Gudrun Schliebener, hat eine Petition eingereicht, die den Bundestag dazu bewegen soll, Regeln für eine gute Behandlung zu beschließen. Bis Heiligabend benötigt sie 50 000 Unterstützer, die wie sie der Meinung sind, dass es in der Behandlung mehr Zeit für Beziehung, mehr Teilhabe der Patienten und weniger Zwang geben soll.

Sollte das Gesundheitsministerium die Richtlinie absegnen, wie sie ist, bleibt deren Kritikern nur eine Hoffnung: dass Josef Hecken eingreift. Der Vorsitzende des G-BA hatte nach den ersten Protesten im Oktober versprochen, die Richtlinie fortzuschreiben und modernere Instrumente für die Erfassung nötiger Personalvorgaben zu entwickeln. Eigentlich hatte der G-BA dazu vor der Verabschiedung des Entwurfs drei Jahre Zeit.

© SZ vom 12.12.2019
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