Psychiater zur Germanwings-Tragödie "Das ist schon extrem"

Sogenannte erweiterte Suizide gibt es immer wieder. Wenn 149 Menschen dabei sterben müssen, ist das jedoch im höchsten Grad ungewöhnlich, sagt Manfred Wolfersdorf.

Interview von Christian Weber

Wieso nehmen manche Menschen bei einem Suizid andere Menschen mit in den Tod? Das erläutert der Psychiater Manfred Wolfersdorf. Er ist Chefarzt der Psychiatrie im Bezirkskrankenhaus Bayreuth, Leiter des Referats Suizidologie der Fachgesellschaft DGPPN und gilt als ein führender Forscher in dem Bereich.

SZ: Ein zuvor nicht wirklich auffälliger, 27-jähriger Copilot schließt sich offenbar im Cockpit seiner Maschine ein und reißt 149 Menschen mit in den Tod. Haben Sie schon mal von einem derartigen Fall gehört?

Manfred Wolfersdorf: Das ist schon extrem. Ich habe in meinem ganzen Berufsleben nur von einem vergleichbaren Fall gehört. Vor Jahren hat ein ägyptischer Pilot ein voll besetztes Passagierflugzeug in suizidaler Absicht zum Absturz gebracht. Allerdings ist es ja noch eine Hypothese, dass es sich beim aktuellen Fall wirklich um Suizid handelt.

Was könnte es denn sonst sein?

Ein Schlaganfall, eine kurzfristige Bewusstlosigkeit.

Der Pilot hat immerhin bewusst die Cockpit-Tür verriegelt.

Als Sachverständiger würde ich dennoch verlangen, dass - wenn möglich - seine Überreste medizinisch untersucht werden. Es könnten ja auch Drogen im Spiel gewesen sein. Bei Crystal Meth zum Beispiel kann es ganz plötzlich, binnen Minuten, zu psychotischen Zuständen kommen.

Bislang weiß man nichts von einem Abschiedsbrief. Könnte das Fehlen ein Indiz gegen den Suizid sein?

Unfassbares Entsetzen: Auf ein Flugzeugleitwerk vor der Kölner Germanwings-Zentrale haben Unbekannte Blumen gelegt.

(Foto: Oliver Berg/dpa)

Nein, Abschiedsbriefe hinterlassen ohnehin nur 40 bis 50 Prozent der Suizidenten.

Angenommen, es war ein Suizid. Wieso nimmt man dann alle Passagiere mit?

Sogenannte erweiterte Suizide gibt es schon immer. Typisch ist etwa die depressive Mutter, die in ihrer Verzweiflung erst ihre Kinder und dann sich selber umbringt. Oder das alte Ehepaar, das sich gemeinsam umbringt, wenn zum Beispiel klar ist, dass ein Partner an einer schweren Krankheit sterben wird. Und dann gibt es noch den psychotischen Sohn, der in seinem Vater den Teufel sieht und dann erst diesen, danach sich selber umbringt. In der Regel sind es also Menschen, die in einer Beziehung mit dem Suizidenten stehen.

Die Passagiere der Germanwings-Maschine hatten mit dem Piloten nichts weiter zu tun.

Das macht die Sache zwar schwieriger. Dennoch gibt es das immer wieder, etwa bei Geisterfahrern, die in suizidaler Absicht bewusst und wahllos in ein entgegenkommendes Auto fahren. Solche Fälle gibt es vermehrt seit 20 bis 30 Jahren.

Wie erklärt sich das?

Vielleicht hat es gesellschaftliche Gründe, dass es weniger Respekt vor dem Leben anderer gibt, vielleicht hat es auch mit Kränkungen und Rachegelüsten zu tun. Aber das ist alles wirklich nur reine Spekulation.

Kann man ein solches Handeln mit einem Amoklauf vergleichen?

Nein, beim Amok werden ja meist Menschen aus dem sozialen Umfeld zum Opfer, von denen man sich gekränkt gefühlt hat.

Ist es eigentlich vorstellbar, dass sich der Pilot spontan zu dem Suizid entschieden hat, vorausgesetzt es war einer?

In mehr als neunzig Prozent der Fälle wird die Entscheidung zum Suizid binnen eines Tages umgesetzt, in etwa fünfzig Prozent der Fälle vergeht sogar weniger als eine Stunde.

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Ein Suizid aus heiterem Himmel?

Nein, natürlich nicht. Es gibt in der Regel drei Phasen. Es beginnt mit der Auseinandersetzung mit dem Gedanken, dass man sich umbringen könnte. Dann folgt eine Ambivalenzphase, der Betroffene möchte zwar noch weiterleben, aber er glaubt nicht mehr, dass er es kann. Er fühlt sich zu hoffnungslos. Erst dann folgt der Entschluss.

Gibt es Anzeichen, wenn jemand akut suizidal ist?

Gerade in der letzten Phase ist das nicht so offenkundig. Es ist die Ruhe vor dem Sturm, wo der Betroffene äußerlich sehr ruhig aussieht.

Ist es vorstellbar, dass vielleicht ein geschickter Psychologe einem zum Suizid entschlossenen Piloten per Funk seine Tat noch ausreden könnte?

Das ist in dieser Phase unwahrscheinlich. Da muss schon etwas sehr Einschneidendes passieren. Ich kenne den Fall einer depressiven Mutter, die sich vor einen Lkw werfen wollte, das aber unterließ, als sie Kinder neben der Straße spielen sah. Drei Stunden später hat sie sich dann doch umgebracht.

Wird in Deutschland genug für die Prävention von Suiziden getan?

Man kann immer noch mehr machen. Andererseits gibt es das Nationale Suizid-Präventions-Programm, es gibt große Kampagnen gegen die Depression, eine der wichtigsten Ursachen für Suizide. Und diese Maßnahmen haben Erfolg. In den letzten Jahren hatten wir in Deutschland um die 10 000 Suizide pro Jahr, seit der Wirtschaftskrise leicht ansteigend. Noch gegen 1990 waren es 16 000 bis 17 000 Fälle.