Prozess in München Vater von NSU-Opfer will Straßennamen statt Geld

"Wir haben einen einzigen Wunsch: die Umbenennung der Holländischen Straße in Halit-Straße": Ismail Yozgat, Vater eines der NSU-Mordopfer (hier bei einer Gedenkveranstaltung im April 2013)

(Foto: REUTERS)

Der Vater des vom NSU ermordeten Halit Yozgat verlangt vom Gericht, den Namen einer Straße nach seinem Sohn zu benennen - statt der Zahlung für die Opfer. Das irritiert den Richter und die Verteidigung schreitet ein, als Yozgats Schilderung zu emotional wird.

Aus dem Gericht von Tanjev Schultz

Ismail Yozgat lässt nicht locker. Sein Sohn Halit wurde 2006 in Kassel ermordet, nach Überzeugung der Ermittler waren die Neonazis des NSU die Täter. Der Vater fordert immer wieder, die Holländische Straße, in der sein Sohn geboren wurde und als 21-Jähriger gestorben ist, umzubenennen in Halit-Straße. Das trägt er am Donnerstag in aufgewühlter Stimmung auch im Gericht vor. Der Richter ist irritiert, weil der Vater eine Entscheidung dazu vom Gericht verlangt.

Ismail Yozgat spricht Türkisch, ein Dolmetscher übersetzt. Zunächst geht Ismail Yozgat auf ein Video ein, das gestern gezeigt wurde. Es war eine Rekonstruktion vom Tatort, dem Internetcafé der Familie Yozgat.

Ein Verfassungsschützer war damals am Tatort. In der Rekonstruktion führte er vor, wie er den Laden verließ - angeblich, ohne das Opfer zu sehen, das vermutlich bereits am Boden lag. "Warum sieht er den hinter dem Tisch liegenden Halit nicht, während er Geld auf den Tisch legte? Warum hat er die Blutstropfen auf dem Tisch nicht gesehen?", fragt der Vater. Die Aussagen des Beamten seien nicht glaubwürdig.

Verleumdungen nach dem Mord

Dann schildert Ismail Yozgat das Leiden seiner Familie. Nach dem Mord hätten die Leute schlecht über sie gesprochen, hätten der Familie unterstellt, mit Drogen zu tun gehabt zu haben oder mit anderen krummen Geschäften. "Ich habe den Polizisten gesagt, dass die Mörder Ausländerfeinde sind, sie glaubten mir das aber nicht."

Die Familie habe zu Gott gebetet, dass die falschen Beschuldigungen endlich aufhörten. Der NSU wurde schließlich entdeckt, und Ismail Yozgat spricht dem Gericht sein Vertrauen aus, dass es die Schuldigen verurteilen werde.

Ein anderer Wunsch werde dagegen bisher nicht erfüllt: die Umbenennung der Straße. In Kassel gibt es zwar mittlerweile in der Nähe des Tatorts einen kleinen, nach Halit Yozgat benannten Platz. Doch der Vater dringt beharrlich darauf, die Holländische Straße, die sehr lang ist, ebenfalls nach seinem Sohn zu benennen. Die Stadt sieht dazu bisher aber keine Möglichkeit.

Zschäpes Verteidigung schreitet ein

Vor Gericht erzählt Ismail Yozgat, dass er nicht nur seinen einzigen Sohn durch den Mord verlor. Vor einigen Monaten sei ein Enkelkind an Krebs gestorben; es hatte ebenfalls Halit geheißen. Ismail Yozgat spricht mit Trauer und Verzweiflung in der Stimme. Beate Zschäpes Verteidigung interveniert nun und macht deutlich, dass die Erklärung zu weit gehe, weil sie sich nicht an den engen Rahmen halte, wie ihn die Strafprozessordnung vorsehe.

Die Verteidiger sehen offenbar auch eine Vorverurteilung ihrer Mandantin, weil Yozgat diese in einen Zusammenhang mit dem Mord gerückt habe. Richter Manfred Götzl lässt Yozgat nach einigen ermahnenden Worten an dessen Anwalt dennoch weitersprechen.

Ismail Yozgat sagt, seine Familie habe kein Geld vom Staat angenommen aus den Zahlungen für die Opfer. "Wir wollen auch kein Geld. Wir haben einen einzigen Wunsch: die Umbenennung der Holländischen Straße in Halit-Straße." Dann wendet er sich direkt an Richter Götzl und bittet ihn darum, dazu eine Entscheidung zu treffen - "der Ball liegt nun bei Ihnen".

Götzl spielt den Ball sofort zurück: Er müsse sagen, dass das Gericht auf den Namen keinen Einfluss habe. "Das ist ausschließlich Sache der örtlichen Behörden." Yozgats Anwalt werde das seinem Mandanten sicher noch erklären können.