Prozess in Berlin "Bei uns flucht man so"

Ein Mann mit Kippa wartet vor dem Gerichtssaal im Amtsgericht Tiergarten Moabit auf Einlass.

(Foto: Stefan Boness/imago)
  • Am Berliner Kriminalgericht hat der Prozess gegen den Syrer Knaan Al S begonnen, der einen Israeli mit Kippa in Berlin angegriffen haben soll.
  • Ein Video von dem Angriff ging um die Welt und löste eine Debatte über steigenden Antisemitismus in Deutschland aus.
  • Vor Gericht beteuerte der Angeklagte, kein Antisemit zu sein.
Von Verena Mayer, Berlin

48 Sekunden. Das Video, das im Gerichtssaal gezeigt wird, ist nicht lang und ziemlich verwackelt. Aber man erkennt sofort, was passiert. Dass nämlich jemand antisemitisch beschimpft und mit einem Gürtel attackiert wird, immer wieder und mit der Schnalle voran. Einfach weil er eine Kippa auf dem Kopf hat. Das Video wurde im April in Berlin aufgenommen und ging unter dem Schlagwort "Kippa-Attacke" um die Welt. 48 Sekunden, die zum Symbol wurden. Dafür, was es bedeutet, wenn man sich in Deutschland als Jude zu erkennen gibt.

Dementsprechend groß ist der Andrang vor dem Berliner Kriminalgericht, wo am Dienstag der Prozess wegen gefährlicher Körperverletzung und Beleidigung begonnen hat. Journalisten aus aller Welt drängen sich auf den Zuschauerbänken, auch ein Vertreter der jüdischen Gemeinde ist gekommen. Der Vorfall hat viele Fragen aufgeworfen: Warum es in Berlin immer mehr antisemitische Straftaten gibt, der Polizeistatistik zufolge haben sich die Delikte seit 2013 verdoppelt. Vor allem aber, ob in Deutschland bald ähnliche Zustände herrschen wie in Frankreich. Und sich Juden nicht mehr sicher fühlen können.

Der Angeklagte hatte schon früher mit der Polizei zu tun

Der Angeklagte setzt alles daran, um sich als möglichst unauffällig zu präsentieren. Das Einzige, wofür er lebe, seien "Schule und Fußball", sagt er auf die Frage des Richters, ob er sich für das Weltgeschehen interessiere. Knaan Al S. ist 19 Jahre alt und wuchs in Syrien als Kind palästinensischer Flüchtlinge auf. 2015 kam er mit seinem Bruder nach Deutschland. Er lernte die Sprache, vor Gericht beantwortet er viele Fragen des Jugendrichters auf Deutsch. Doch irgendwann muss er den Halt verloren haben. Das Jobcenter strich ihm die Zahlungen, er schlief auf der Straße und nahm Drogen. Das Geld dafür stahl er seinem Bruder. Er bekam mit der Polizei zu tun, einmal soll er einem Mädchen nachgestellt haben, einmal ging es um einen Streit in einem Flüchtlingsheim.

Die Rettung

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Zur Attacke ist es aus seiner Sicht zufällig gekommen. Er war mit seinem Cousin und einem Kumpel unterwegs, um Sachen in eine Wohnung in Prenzlauer Berg zu transportieren. Aber er war auf Ecstasy und wollte nach Hause, und irgendwann habe er begonnen, auf Arabisch herumzuschimpfen, "schmutzige Juden" habe er gerufen, "Hurensohn" und "ich verfluche deine Juden". Das hätten zwei junge Männer auf der anderen Straßenseite gehört und begonnen, ebenfalls auf Arabisch zu schimpfen. Daraufhin rannte er hinüber und zog den Gürtel. Dass seine Opfer eine Kippa trugen, will er erst später gesehen haben. "Ich entschuldige mich, das hätte ich nicht tun sollen, ich hasse niemanden, weder Juden noch Christen." Ob ihm bewusst sei, was seine Worte bedeuten, fragt der Richter. Al S. zuckt mit den Schultern. "Bei uns flucht man so, das war ein Spaß."

Für Adam A. hörte sich das jedoch nicht nach Spaß an. Er ist arabischstämmiger Israeli, studiert in Berlin Tiermedizin und war mit einem Freund unterwegs. Beide trugen eine Kippa, die sie in Israel von Freunden geschenkt bekommen haben, sie hätten Pessach gefeiert, "ich wollte mich damit zeigen". Weil er die Kippa schön fand und Solidarität zeigen wollte, kurz davor war in Israel der Holocaust-Gedenktag begangen worden. Ein Freund habe ihn noch gewarnt, dass das in Deutschland gefährlich sein könnte, "aber ich habe ihn ausgelacht und gesagt, das stimmt zu hundert Prozent nicht".

Große Solidarität nach dem Angriff

Die Beleidigungen bezog er erst nicht auf sich und lief weiter, sagt er. Dass er gemeint war, merkte er erst, als Knaan Al S. auf ihn zugestürmt kam. Er verletzte ihn mit dem Gürtel am Bauch, an der Lippe und am Bein, griff noch nach einer Flasche. Er ließ erst ab, als eine Passantin eingriff. Wie es ihm jetzt gehe, fragt der Richter. "Seelisch war es schlimmer als körperlich", sagt Adam A. "Berlin war meine Traumstadt, wo alle in Frieden leben können. Dass es nicht so ist, hat mich entsetzt."

Mike Delberg von der jüdischen Gemeinde sitzt mit Kippa auf der Zuschauerbank. In einer Prozesspause verweist er auf die große Solidarität, die Juden nach der Attacke erfahren haben, Tausende trafen sich zu Kundgebungen mit dem Titel "Berlin trägt Kippa". Das sei das Positive an dem negativen Fall, sagt Delberg, "es wurde nichts unter den Teppich gekehrt".

Die Kippa selbst ist inzwischen im Jüdischen Museum. Adam A. hat sie gestiftet, sie steht in einer Vitrine, sie ist aus hellem Jeansstoff, mit einer roten Stickerei darauf. "Kippa des Anstoßes" steht auf einem Schild und dass man damit über "gesellschaftlich relevante Fragen nachdenken" wolle. Adam A. hat seine Antwort bereits gefunden: "Ich würde die Kippa nie wieder aufsetzen, wenn ich alleine bin." Das Urteil könnte am kommenden Montag fallen.

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