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Protokolle:Sie sind stolz auf London, auf Wales, auf Großbritannien - aber nicht auf Europa

Welches Verhältnis junge Briten zu Europa haben.

Protokolle von Joe Miller

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Owen Meredith, 29, arbeitet bei einem Magazin-Verlag in London

Owen Joe Miller

Quelle: privat

Ich lebe in London, bin aber in Wales aufgewachsen. Ich sehe mich als stolzer Londoner, zugleich aber auch als stolzer Waliser und Brite. Beim Rugby juble ich für Wales, was London mit den Olympischen Spielen 2012 erreicht hat, macht mich stolz. Und schwenke gerne die britische Flagge.

Ich möchte, dass Großbritannien Teil von Europa ist. Teil eines Bundes europäischer Staaten, die gemeinsam in eine starke, prosperierende Zukunft gehen mit guten Jobs und hoher Lebensqualität. Was ich aber nicht möchte, ist eine "europäische Kultur". Ich denke vielmehr, die Stärke Europas ist die Vielfalt seiner Kulturen.

Die Situation in Syrien und der Region ist furchtbar. Im nahenden Winter dürfte sie noch schlimmer werden. Es kann immer mehr getan werden - doch wir müssen genau überlegen, wie wir gleichermaßen kurz- und langfristig helfen können. Menschen über den halben Globus zu transportieren, ist nicht notwendigerweise die richtige Antwort.

Großbritannien will 20 000 der am meisten gefährdeten Flüchtlinge aus der Region aufnehmen. 5000 wurde bereits Asyl gewährt. Wenn die UN Bedarf sieht und Großbritannien die Kapazitäten hat, sollten wir sicherlich noch mehr Aufnahmen ins Auge fassen. Noch wichtiger ist aber, die syrischen Nachbarstaaten mit humanitärer Hilfe zu unterstützen. Politisch müssen wir Stabilität in die Region zurückbringen, damit die Flüchtlinge wieder in ihre Heimat zurückkehren können.

Owen Meredith

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Ben Woodward, 28, öffentlicher Angesteller in Newcastle

Ben Joe Miller

Quelle: privat

Ich fühle mich sehr europäisch. Aufgewachsen in einer Zeit niedriger Reisekosten, habe ich schon den größten Teil der EU-Länder bereist. Mir ist sehr bewusst, dass mein Land Teil einer großen Gemeinschaft ist. In jeder größeren britischen Stadt gibt es heute eine Café-Kultur, die wir vor 20 Jahren noch nicht hatten. Vielerorts gibt es sogar ein Nachtleben, das sich sehr kontinentaleuropäisch anfühlt. Zugleich denke ich, dass nur wenige Briten sich bewusst sind, welchen Einfluss andere europäische Länder auf Großbritannien mittlerweile haben. Es ist ein Wandel, der sich seit 1990 nach und nach vollzogen hat.

Persönlich bin ich davon überzeugt, dass Großbritannien sich in der Flüchtlingskrise stärker engagieren sollte. Als Premier David Cameron zuletzt dazu befragt wurde, sagte er leider nichts zum Thema, sondern machte lieber einen Witz auf Kosten der Liberaldemokraten. Das dürfte ein guter Indikator sein, wie wenig ernst er das Thema nimmt. Ein großer Teil seiner Rhetorik ist einwanderungs- und EU-kritisch. Größeres Engagement seiner Regierung für Flüchtlinge ist daher unrealistisch; es würde schlicht nicht zu seinem Selbstbild passen, hart gegen Immigration vorzugehen.

Bestimmte Bilder oder Geschichten der Flüchtlingskrise veranlassen bestimmt viele Briten zu emotionalen Reaktionen. Die meisten dürften aber ernsthaft davon überzeugt sein, dass ihre Interessen als Briten deutlich wichtiger sind als die von Flüchtlingen, die ihr Leben riskieren, um aus Konfliktgebieten zu fliehen.

Ben Woodward

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Amy Baron, 26, Lehrerin für Spanisch und Latein in London

Amy Joe Miller

Quelle: privat

Vor vier Generationen waren meine Vorfahren selbst Flüchtlinge, die in Großbritannien ein besseres Leben suchten. Wie könnte ich es nun wagen und zu neuen Flüchtlingen "bitte nicht" sagen? Die britische Regierung muss sich dazu verpflichten, Asylsuchende zu beschützen. Und sie muss sicherstellen, dass die Migranten bestmöglich unterstützt werden.

Ich arbeite als Lehrerin an einer öffentlichen Schule und bin mir bewusst, dass massenhafte Einwanderung große Auswirkungen auf den Staat, seine Kassen und Angebote haben. In den Schulen werden wir die Angebote für Englisch als Fremdsprache ausbauen und mehr Plätze schaffen müssen. Bildung ist ein Recht, kein Privileg.

Natürlich muss irgendwo eine Grenze gesetzt werden. Die Staaten müssen außerdem enger zusammenarbeiten, um die Verteilung der Immigranten besser auszubalancieren. Als eine der reichsten Nationen der westlichen Welt, mit einer herausragend multikulturellen Hauptstadt, sollte die britische Regierung mit gutem Beispiel vorangehen. Großbritannien schuldet seinen Einwanderern viel. Wenn die Regierung den neuen Einwanderern die richtigen Bedingungen bietet, werden diese mit Dankbarkeit und Entschlossenheit zu uns kommen und sich erkenntlich dafür zeigen, dass ihnen Freiheit geschenkt wurde.

Was das mit meinem Europa-Verständnis zu tun hat? Nicht viel, fürchte ich. Über Europa habe ich nicht viel zu sagen. Zuallerst definiere ich mich über mein religiöses Selbstverständnis, dann über meine britische Staatsangehörigkeit. Europäisch fühle ich mich nicht.

Amy Baron

© SZ/jasch/hum
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