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Protokolle aus Gaza und Israel:"Selbst Hunde lassen wir nicht vor die Tür"

"Alle fünf Minuten kracht es irgendwo": Ein Palästinenser betrachtet aus der Ferne in Gaza-Stadt die Rauchwolke nach einem Raketeneinschlag

(Foto: AFP)

Angst, Frust, Verzweiflung, Erschöpfung: Israelische Raketen schlagen im Gazastreifen ein, zertrümmern Häuser, verletzen, töten - und in Israel schlagen Raketen aus Gaza ein. Protokolle von Menschen zwischen den Fronten.

Von Antonie Rietzschel

Wieder führen Israelis und Palästinenser Krieg gegeneinander. Gaza steht praktisch unter Dauerbeschuss. Seit Beginn der Offensive der israelischen Luftwaffe sollen 88 Menschen getötet worden sein. Aber auch in Israel schlagen Raketen ein, abgeschossen vom militärischen Flügel der Hamas. In Tel Aviv und Jerusalem heulen die Sirenen. Protokolle von Menschen zwischen den Fronten (alle aus dieser Woche).

Sami

Sami Elajrami

(Foto: Privat)

Sami Elajrami, 45, Journalist, Gaza-Stadt

"Ich stehe vor einem Haus, das gerade bombardiert wurde. Es ist nicht mehr als ein Loch im Boden übrig geblieben, überall liegen Trümmerteile. Die Anwohner sagen mir, dass es leer stand, allerdings sind auch die umstehenden Gebäude beschädigt worden, 19 Menschen wurden wohl verletzt. Ich bin Palästinenser, in Gaza-Stadt geboren. Seit 15 Jahren arbeite ich als Journalist und berichte über zerstörte Häuser, tote Kinder, Extremisten - das macht mich krank. Ich habe auch keine Hoffnung, dass es jemals besser wird. Immer wieder denke ich darüber nach, einfach wegzugehen, um zur Ruhe zu kommen.

Ich habe zwei kleine Töchter, beide zehn Jahre alt, Zwillinge. Eine von ihnen hat bei dem acht Tage dauernden Krieg mit Israel im November 2012 ihre Hand verloren. Sie hat im Haus ihrer Mutter gespielt - dann schlug die Rakete ein. Ich will nicht, dass das wieder passiert. Deswegen leben die beiden jetzt in einer Gegend, die nicht unbedingt Ziel der Angriffe ist. Ich selbst wohne im Norden von Gaza-Stadt, wo ich ständig in der Angst lebe, eine Rakete könnte einschlagen.

Mit meinen Töchtern telefoniere ich jeden Tag. Ich erzähle ihnen wo ich war, was ich gesehen habe - sie sollen mitbekommen, wie die Realität hier ist. Sie fragen mich immer, ob ich Angst hätte. Natürlich habe ich Angst. Das sage ich den beiden ganz offen. Ich bin ja auch nur ein normaler Mensch."

Ajala Avitzour, 24, Musikstudentin, Jerusalem

"Vergangenen Abend mussten wir ein Konzert für drei Minuten unterbrechen, weil der Alarm losgegangen ist. Dann war aber nichts. In der Nacht habe ich es noch manchmal rumsen gehört, konnte aber durchschlafen. Mehr Sorgen als die Raketen in Gaza macht mir das, was in den Straßen von Jerusalem passiert. Dort herrscht so viel Hass. Seitdem die drei israelischen Jugendlichen entführt und getötet wurden, trauen sich meine arabischen Freunde nicht mehr raus, weil sie angeschrien und bedroht werden. "Tod den Arabern", rufen die Leute.

Ich war nie ein politischer Mensch. Als Israelin wusste ich immer so ungefähr, was los ist, aber aktiv bin ich nie geworden. Doch jetzt werden Menschen vor meiner Haustür angegriffen. Deswegen gehe ich fast jeden Abend zu einer Friedensdemonstration hier in Jerusalem. Wir werden öfter von Leuten angepöbelt: "Nieder mit den Linken", heißt es dann. Allerdings ist auch viel Polizei unterwegs, die uns beschützt.

Unsere Regierung fördert den Hass auf die Palästinenser auch noch. Nachdem die drei israelischen Jugendlichen tot aufgefunden wurden, sprachen so viele Politiker davon, Rache zu nehmen. Sie haben überhaupt kein Interesse daran, dass der Konflikt gelöst wird."

Ahed Ischiman, 34, Künstler, Ostjerusalem

"Ich freue mich, wenn Raketen Richtung Jerusalem fliegen. Ich stehe dann draußen auf der Straße und beobachte den Himmel. Wir Palästinenser können uns hier in Ostjerusalem nicht frei bewegen, zahlen höhere Steuern und werden von hinten bis vorne diskriminiert. Wir kriegen praktisch eine Ohrfeige nach der anderen, durch die Raketen kommen wir wenigstens zumindest in die Reichweite unseres Gegners. Das ist schon ein Erfolg. Vielen Palästinensern in Shu'fat, dem Viertel, in dem ich wohne, geht es genauso. Wenn der Alarm aufheult, stehen sie auf den Dächern und sind froh - gleichzeitig beten sie zu Gott, dass er das alles beenden möge.

Seit dieser 16-Jährige umgebracht wurde, gibt es hier jeden Abend Auseinandersetzungen zwischen Palästinensern und der Polizei. Dann fliegen Steine. Der Junge war mein Nachbar - ich kannte ihn vom Sehen. Es gibt keine Entschuldigung für die Entführung und Tötung dieser drei israelischen Jugendlichen. Es ist unmenschlich. Aber dafür tötet man doch nicht im Gegenzug einen palästinensischen Jugendlichen auf so grausame Weise. Sie haben ihn bei lebendigem Leibe verbrannt. Das macht mich sprachlos.

Während der Beerdigung war es hier im Viertel besonders schlimm. Bei den Ausschreitungen wurden so viele Menschen verletzt. Ich habe sie in meine Wohnung gelassen - überall war Blut. Innerhalb kürzester Zeit sah es bei mir aus wie in einem Krankenhaus.

An den Frieden glaube ich nicht - es wäre an Israel, den zu schließen. Wenn sie das wollten, hätten sie es längst getan. Es ist schlimm, was für einen Keil dieser Konflikt zwischen uns und die hier in Ostjerusalem lebenden Juden getrieben hat. Ich kann mich gut daran erinnern, wie meine Familie sich regelmäßig mit einer jüdischen Familie zum Essen traf - wir hatten viel Spaß zusammen. Doch jetzt reden wir nicht mehr miteinander."

"Auch ich möchte meine Pflicht tun"

Almog

Almog Angel

(Foto: Privat)

Almog Angel, 24, Student, Holon

"Es kann jederzeit passieren. Viele meiner Freunde wurden bereits wieder zum Armeedienst einberufen - die meisten von ihnen sind sehr stolz darauf, ihr Land verteidigen zu können. Sie wollen die Menschen beschützen, die in der Nähe von Gaza mit Raketen beschossen werden. Ich wurde noch nicht eingezogen, dabei möchte auch ich meine Pflicht tun - allerdings eher aus humanitären Gründen. Ich war in der Armee Sanitäter. Ich habe mich für diese Position entschieden, weil ich was Sinnvolles machen wollte, nämlich Leben bewahren. Ich versorge jeden, egal ob Israeli oder Palästinenser. Sogar Terroristen würde ich behandeln.

Hier in Holon bei Tel Aviv hört man es immer wieder mal knallen. Heute Morgen bin ich von einem Raketeneinschlag aufgewacht. Um in einen der Bunker zu gehen, war ich jedoch zu müde. Es gibt viele, die wegrennen, sobald der Alarm losgeht.

Beide Seiten leiden unter der aktuellen Situation - ich wünschte, es wäre vorbei. Die Aggression geht aber ganz klar von Gaza aus. Ich kann allerdings auch verstehen, warum die Menschen dort einen solchen Hass auf Israel empfinden. Würde ich die ganze Zeit mit Propaganda zugeballert, empfände ich wahrscheinlich ähnlich. Wahrscheinlich muss erst eine neue, besser gebildete Generation unter den Palästinensern heranwachsen, damit Israel Friedensgespräche führen kann.

Maram

Maram Humaid

(Foto: Privat)

Maram Humaid, 23, Aktivistin, Gaza-Stadt

"Seit Tagen bin ich praktisch eingesperrt. Seit Israel mit der Bombardierung von Gaza begonnen hat, sitze ich mit meinen Eltern und Geschwistern bei uns im Haus in Gaza-Stadt herum. Wir versuchen, uns von den Fenstern fernzuhalten, um uns nicht zu verletzen, sollten sie von den Erschütterungen zerspringen.

Vorhin ist eine Rakete so nah bei uns eingeschlagen, dass das Haus minutenlang gewankt hat. Nicht weit von uns stieg eine Rauchwolke auf. Unter diesen Umständen auf die Straße zu gehen, ist gefährlich - aber heute müssen wir zur Bäckerei, denn wir haben kaum noch was zu essen.

Am schlimmsten ist es, wenn die Elektrizität mal wieder ausgeschaltet wird. Denn dann funktioniert weder das Fernsehen noch das Internet und ich kann nicht schauen, was passiert. Dann fühle ich mich wie nackt.

Die Tage vergehen nur schleppend, wir können kaum schlafen wegen der Angriffe. Alle fünf Minuten kracht es irgendwo. Ich versuche meiner Mutter beim Essenmachen zu helfen, um mich abzulenken oder lese im Koran.

Oft sitzen wir zusammen und diskutieren beispielsweise darüber, ob Israel in den Gazastreifen einmarschieren wird. Die meiste Zeit aber warten wir nur auf den Anruf des israelischen Verteidigungsministeriums. Sie warnen die Leute, wenn ein Ziel in ihrer Nähe angegriffen wird und fordern die Leute auf, das Haus zu verlassen. Wir haben unsere Taschen schon gepackt."

Shira

Shira Salimi

(Foto: Privat)

Shira Salimi, 22, Studentin, Sderot

"15 Sekunden - so viel Zeit haben wir, um nach dem Alarm in den Bunker zu gehen. Wir haben selbst einen bei uns im Keller. Er ist besonders geschützt. Alle 30 Minuten heulen die Sirenen auf. Ich fange dann immer an zu zittern. Meine kleine Schwester schläft sogar nachts im Bunker.

Ich wohne mit meiner Familie in einem kleinen Dorf in der Nähe von Sderot. Wenn gutes Wetter ist, kann ich Gaza-Stadt sehen, von wo aus geschossen wird. Heute Morgen explodierte eine Rakete auf der Straße vor unserem Haus. Da alle in ihren Häusern waren, wurde niemand verletzt. Gestern regnete es Einzelteile von einer Rakete, die abgefangen worden war. In solchen Fällen musst du dann die Polizei anrufen und dann kommen Spezialisten und räumen alles weg.

Wir gehen nicht raus, nicht mal, um einzukaufen. Das wäre zu gefährlich. Außerdem hat uns die israelische Armee aufgefordert, weder zur Arbeit noch zur Schule zu gehen. Selbst unsere Hunde lassen wir nicht mehr vor die Tür."

© Süddeutsche.de/mikö/lala
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